Der deutsche Nationalspieler Mats Hummels fordert mehr Respekt. Er verlangt ihn von den Fans und Medien, und er möchte ihn für sich und seinesgleichen, womit wohl die Kameraden der Weltmeistergeneration gemeint sind, die im Nationalteam irgendwie sesshaft wurden. Leute wie Manuel Neuer, Thomas Müller und er – "immer die gleichen drei, vier, fünf Spieler", auf die "draufgeschossen" werde, so Hummels. "Wie Vollamateure" würden sie behandelt, respektlos.

Seit der WM in Russland steht ein Überbleibsel der 2014er-Mannschaft bei den Kritikern auf einem Level mit analogem Fernsehen – reif, endlich abgeschaltet zu werden. Hummels sollte schon deswegen der gewünschte Respekt zugestanden sein, sogar ohne Einschränkung, sofern damit die Achtung vor der Person gemeint ist. Respekt im Sinne von Ehrerbietung gebührt dem Mann auch, mit Blick auf vergangene Heldentaten und weil er jetzt schon so dezidiert darum bittet.

Moralphilosophen unterscheiden zwischen bewertendem und lediglich anerkennendem Respekt; der Letztere schließt nicht unbedingt ein, dass man die Überzeugungen der geschätzten Person teilt. Darauf muss es hier hinauslaufen. Mats Hummels wollte im Debakel gegen die Niederlande "kein schlechtes Spiel" erkannt haben, das Ergebnis von 0:3 nur fehlerhafter Chancenverwertung im Angriff und einigen Ballverlusten im Mittelfeld in die Schuhe schieben. Versäumnissen auf Gebieten also, mit denen er selbst überhaupt nichts zu tun hat.

Man muss die Meinung nicht ernst nehmen, zumal dann nicht, wenn man die Kritik von Bundestrainer Joachim Löw an den vermeintlichen Führungsspielern kennt. Einige seien in der Schlussphase, statt Verantwortung zu übernehmen, "vogelwild" herumgelaufen. Hummels? Preschte in der Nachspielzeit mindestens zweimal unmotiviert aus seinem Zuständigkeitsbereich in der Abwehr.

Respekt kann aber auch Toleranz bedeuten. So kann man respektieren, dass jemand keine Kritik verträgt. Oder dass er die Angewohnheit besitzt, von eigenen Fehlern ablenken zu wollen, auch das könnte man ja respektvoll tolerieren.

Mats Hummels hat es schließlich nicht leicht. Bei seinem Verein Bayern München läuft es nicht, auch nicht für ihn persönlich. Sein neuer Trainer Niko Kovač hält große Stücke auf Niklas Süle, den jüngeren Widersacher im Kampf um die Arbeitsplätze in der Innenverteidigung. Kovač hatte sich auch für den Verbleib von Jérôme Boateng ausgesprochen, einem Mitspieler, dem Hummels in abgrundtiefer Rivalität verbunden ist. Da wird man ja jetzt wohl mal dünnhäutig werden dürfen.

Mats Hummels hat den Kameraden Boateng gegen die Niederlande im Stich gelassen. Als der Teamgefährte ostentativ signalisiert hatte, dass er wegen Muskelbeschwerden kaum noch laufen konnte, sprang Hummels ihm nicht zur Seite. Er sicherte nicht ab, sondern verließ wiederholt die neuralgische Zone. Und als er vor dem letzten Gegentor überspielt war, hetzte er nicht zurück, versuchte es gar nicht, sondern trabte in Richtung Mittellinie aus, teilnahmslos, als ob er sein Desinteresse zum Ausdruck bringen wollte an all den Schlampereien der anderen.

Der schweizerische Fußballlehrer René Weiler (früher 1. FC Nürnberg, heute Trainer des FC Luzern) sagte im Sender Sport 1: An einer solchen Körpersprache eines Spielers habe ein Bundestrainer noch mehr zu knabbern als am schlimmen Spielresultat.

Löw hatte nun die Chance zu einer tief gehenden Maßnahme. Mit allem Respekt hätte er ein Zeichen gegen fehlende Teamfähigkeit setzen können. Das wäre mal eine "klare Veränderung" gewesen, wie er sie nach der WM in Aussicht gestellt hatte. Aber Hummels durfte auch in Paris gegen Frankreich wieder mitspielen.

Nach Betrachtung der ansehnlichen Partie (1:2) muss man sagen: Es hat sich nur bedingt ausgezahlt. Löw setzte auf ein bisschen Erfahrung für die neu zusammengebaute Verteidigung. Kurzfristige Stabilität zählte für den angegriffenen Trainer jetzt mehr als nachhaltige Pflege des Teamgedankens. Das ist verständlich. Doch ein Signal sieht anders aus.