Der letzte Filou – Seite 1

Die Reise in die Welt von Fußballprofi Max Kruse beginnt in einem weißen Haus im Bremer Grüngürtel. Kruse bewohnt es allein, eigentlich ist alles viel zu groß. "Da haben Sie recht", sagt er. Aber er mag die Junggesellen-Atmosphäre. Im Flur stehen Sportschuhe herum, auf einem kleinen Tisch hat der Hausherr den Motorradhelm abgelegt. Von der Couch-Landschaft im Wohnzimmer blickt man auf einen Fernseher, auf dem am Samstagabend das Sportstudio läuft. Das schaut sich Kruse neuerdings gern an. Werder Bremen steht aktuell auf Platz vier der Bundesligatabelle, das war nicht immer so. Abgesehen davon, hat ihn der Trainer zu Beginn der Saison zum Mannschaftskapitän ernannt. Gründe genug, sich den eigenen Auftritt am Abend noch einmal genauer anzusehen.

"Fühlen Sie sich wie zu Hause", sagt Kruse. Auf einem langen Esstisch liegt die Post der letzten Tage. Ein paar Meter daneben, in einer Ecke des Wohnzimmers, lehnt eine Gitarre, darüber hängen Fotos an der Wand. Die Bilder zeigen ein junges Paar mit seinem Sohn.

Glückliche Zeiten, wenn man die drei so sieht. Die Bilder sind schon etwas älter. Heute wohnt Lauro Maxim bei seiner Mutter, die ausgewandert ist nach Florida. "Ich skype mit ihm mindestens einmal in der Woche", sagt Kruse beiläufig. "Es ist sicher keine optimale Situation für ihn und mich", fügt er hinzu. "Wenn ich hier fertig bin mit dem Fußball, dann gehe ich rüber zu ihm!" In fünf Jahren vielleicht oder vielleicht auch etwas später. Claudio Pizarro, sein Mannschaftskollege aus Peru, ist schon 40 und läuft immer noch auf.

Max Kruse ist kein Profi wie so viele andere in der Bundesliga. Wenn er sich besonders unverstanden fühlt, dann vergleicht sich Kruse mit Zlatan Ibrahimović. Der schwedische Stürmer – "wer mich kauft, kauft einen Ferrari" – gilt noch immer als der Spieler, dessen Ego auf dem und abseits des Platzes den längsten Schatten warf. Einer, der polarisierte und provozierte. So wie es gelegentlich auch Kruse tut. Auch der Bremer ist ein Typ mit einigen Ecken und Kanten.

Wenn alle nach links abbiegen, geht Kruse gern nach rechts. Im Strom jener, die nicht auffallen wollen, schwimmt er nicht mit. Lieber rollt er, auch wenn das den Rücken schmerzt, mit seinem Boliden röhrend über den Deich. Sollen sie doch reden, schert ihn nicht! So ist Kruse. Er hat noch immer gesagt, was er denkt. Sein Berater, der Hamburger Anwalt Michael Decker, der den Klienten übernahm, als alle mit den Fingern auf Kruse zeigten, ermuntert ihn: "Wir brauchen Charaktere im Fußball, das wünschen sich doch alle – aber dann werden die Spieler hingetrimmt, die Entwicklung einer Persönlichkeit ist nicht erlaubt!"

Wer weiß, was aus dem heute 30 Jahre alten Offensivspieler Kruse alles hätte werden können. Sein Talent, seine Technik, seine "Ausgebufftheit" haben Trainer in Freiburg, auf St. Pauli und in Gladbach gelobt. Allerdings haben die diversen Übungsleiter ihrem Lob früher auch ein "Aber" hinterhergeschoben: "Er ist ein Filou", hat man ihm attestiert; bei seinem ersten Gastspiel in Bremen 2006 machte das Prädikat "Moppelmax" die Runde, Ergebnis einer Vorliebe für Schokolade, gern Nutella. Kruse selbst räumte bei Gelegenheit ein, ja, er habe sich damals, wenn das Training ihm zu anstrengend erschien, zu sehr auf sein Talent verlassen.

Irgendwann ist auch Bundestrainer Joachim Löw auf ihn aufmerksam geworden. Hat ihn nominiert. Max Kruse, Nationalspieler! Wer weiß, wie er sich in den Reihen der vermeintlich Besten entwickelt hätte. Wenn man ihn gelassen hätte. Wer weiß, vielleicht hätte er die Tore gemacht, die das Team heute so dringend braucht. Aber dazu ist es nicht gekommen. Löw hat den Neuling schnell wieder ausgemustert.

Warum? Das ist Kruse auch nicht so richtig klar. Mag Löw keinen vom Schlag Ibrahimović? Sind es ihm ein paar Ecken und Kanten zu viel? Wenn am Dienstag dieser Woche die DFB-Elf in der Nations League gegen Frankreich spielt und damit gegen den Abstieg, dann hat Kruse jedenfalls frei und trainiert in Bremen vor sich hin.

Kruse nutzt die Gelegenheit, an diesem Donnerstagabend wieder ein paar Freunde zu sich nach Hause einzuladen. Ein Ritual, das sich irgendwann ergeben hat. Sechs bis acht Personen sind es jedes Mal, darunter auch ein paar Werder-Profis, die sich bei Kruse zum Pokern treffen. Dann steigt "der Max" allen voran die Wendeltreppe hinauf, an dem leeren Kinderzimmer vorbei, bis unters Dach. Dort nehmen die Herren Platz. Der schwere Pokertisch aus mattschwarzem Vollleder wurde vor wenigen Wochen aus Tschechien geliefert und recht umständlich von außen über die Terrasse nach oben gehievt. Kruse ist stolz auf das Stück. In seinem Blick mischen sich jungenhafte Freude und auch Trotz.

Ausgerechnet Pokern. Das Spiel hat nicht den besten Ruf. Beim DFB jedenfalls nicht, wo man offiziell lieber bei Schafkopf oder Skat zusammensitzt. Insofern war Kruse erstaunt, als er damals 2013 zum ersten Mal zur Nationalmannschaft stieß und am Abend eines Trainingstages viele Gleichgesinnte traf. Jemand besorgte Karten, dann ging es los. Kruse nennt keine Namen. Aber er verrät, wie angenehm überrascht er gewesen sei von seinen Mitspielern am Tisch. "Alles prima Verlierer!" Was sicherlich auch daran liege, "dass die Jungs bei Vereinen unter Vertrag sind, bei denen sie gut verdienen".

Deutsche Schlagzeilen liest er nicht

Gut möglich, dass allein Kruse diese Spielabende in bester Erinnerung hat und andere weniger gern daran zurückdenken. Beim Pokern macht ihm so schnell niemand etwas vor. Bei den World Series of Poker in Las Vegas, "ich kenne dort alle Kasinos", hat Kruse vordere Plätze belegt. Den Gewinn von rund 50.000 Dollar habe er später gespendet, sagt Kruse. Aber das glaube ihm vermutlich eh kein Mensch.

Seit jener Nacht im Oktober 2015, als er in einem Berliner Taxi 75.000 Euro vergaß, belegt Kruse in Sachen Eskapaden einen Spitzenplatz. Damals hatte er ein paar Tage im Kreis der Nationalmannschaft verbracht, den Gewinn praktischerweise in einen Reiserucksack gepackt und diesen hinter den Rücksitz geworfen. Das Gepäck blieb im Fond des Wagens zurück, als die Tour vor einem Berliner Club zu Ende ging. Wer merkt sich schon ein Nummernschild oder die Konzessionsnummer des Wagens? Weder vom Fahrer noch von dem Verbleib der vielen Scheine hat Kruse je wieder etwas gehört. Als die Staatsanwaltschaft das Verfahren nach sechs Monaten einstellte, sprach sich die Sache schnell bis zur Bild herum. Hohn und Spott über Kruse! Muss man aushalten können. Sein Sohn ist weit weg, deutsche Schlagzeilen liest er nicht.

Wie nicht anders zu erwarten, schaltete sich auch der Bundestrainer in die Debatte ein. "Löw schlug mir vor, mich in der Öffentlichkeit mehr zurückzuhalten." Das sei in etwa der Stand der Dinge bis heute. Ob sich das Thema Nationalmannschaft damit erledigt habe? "Der Zug ist abgefahren, vermutlich, ja", sagt Kruse. "Aber auch bei mir stirbt die Hoffnung zuletzt!" Er hat Zweifel, ob sie ihn beim DFB gut genug kennen. Zeit genug dafür wäre doch gewesen.

"Ich habe nicht vor, mich zu verbiegen!" Das sagt Max Kruse oft an diesem Tag in seinem Haus in Bremen. Er vermisse Respekt! In seiner Freizeit tue er das, wozu er Lust habe. Jedenfalls hat Kruse keine Lust, für die Fahrt nach Hamburg den grauen Golf zu nehmen, der direkt vor seiner Haustür parkt. Nein, den nicht.

Auf Knopfdruck schwebt das Garagentor nach oben, langsam kommt ein schwarzes Auto ins Bild, dessen Haifisch-Design nur eine Botschaft hat: Leute, gebt mir endlich Feinde!

Kruse fährt den einzigen Mustang Shelby 500 in Deutschland. Das könnte auch ein leises Indiz dafür sein, dass andere Bundesbürger vernünftiger sind als er. Kruse ficht das nicht an. Sein Wagen hat gut 700 PS, die schon bei einem leichten Wippen mit dem Gasfuß von der Kette gehen. Bremer Kopfsteinpflaster sind ein Problem, das zeigt sich schnell. "Fahrkomfort null", gibt Kruse zu. Dann biegt er ein auf die Autobahn nach Hamburg.

Es ist seltsam, der Shelby scheint eine sedierende Kraft auf seinen Fahrer auszuüben. Wenn man wollte, dann könnte man. Vielleicht ist es dieses Gefühl. Links neben der Frontscheibe wachsen die Kontrollinstrumente für Öl, Wasser und auch alles andere bis fast unters Dach – Kruse hat alles im Blick. Bei der ersten Baustelle fährt er knapp 90 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer – später beschleunigt er auf 170. Aus Rücksicht auf den Beifahrer? Und wenn nicht, warum dann?

Je länger die Reise dauert, desto offener gibt Kruse Auskunft. Weil er in die Auspuffanlage des Wagens zwei Schalldämpfer einbauen ließ, ist die Verständigung im Cockpit gut.

"Etwas Musik?"

"Nein danke!"

Ein gutes Stichwort, Kruse kommt auf die Gitarre zu sprechen, die zu Hause in seinem Wohnzimmer in der Ecke lehnt. An der Geschichte, dass er das Instrument wie ein Könner beherrsche, sei nichts dran. Leider. "Es geht nur schleppend voran. Ich möchte gerne zu der Musik singen, aber ich beherrsche die Texte nicht." Also spiele er nur die Akkorde rauf und runter. "Meinen Sie, das macht Spaß?"

Wenige Kilometer vor Hamburg ist es so weit, der Shelby gerät in einen Stau. Der Kompressor beginnt bedrohlich zu pfeifen. Kruse wirkt verunsichert.

Er habe mit einem Freund ein Rennteam gegründet, erzählt er unvermittelt. Am nächsten Wochenende habe er auf dem Rundkurs von Oschersleben seinen ersten Einsatz.

Wie gelingt der Start? Eigentlich sind ihm Zweifel fremd. "Bei einem Elfmeter denke ich auch nicht nach, ich schieße den Ball einfach rein!" Aber was hat das mit einem schnellen Auto zu tun? Was ist, wenn er den Wagen abwürgt?

Vorsichtshalber hat sich Kruse ein Pseudonym für seine nächste Karriere zugelegt. Die Startaufstellung führt Max Kruse als "Jimi Hendrix". Irgendwie war der ja auch ein Guter.