Vor ihm auf dem dunkelbraunen Couchtisch liegt sein falsches Leben. Abgeheftet in einem schmalen DIN-A4-Ordner. Darin hat Hermann Lüdeking Behördenschreiben, Aktenauszüge und langsam verbleichende Fotos von sich als blonder, zierlicher Junge abgeheftet. Alles sorgfältig durch Klarsichtfolien geschützt. Lüdekings immer noch kräftige Hände ziehen vorsichtig ein Dokument heraus. "Hier ist meine sogenannte Geburtsurkunde", sagt er. Am 7. März 1944 ist sie ausgestellt worden, in München, im Standesamt in der Herzog-Max-Straße. "Hermann Lüdeking ist am 20. Januar 1936 in Bruckau (Warthegau) geboren", steht da. Bei "Vater" und "Mutter" jeweils eine Zahl von Strichen. 42 ganz genau. 42 Striche, die seine Herkunft verschleiern sollen. "Die Geburtsurkunde ist eine Fälschung", sagt Hermann Lüdeking. "Wie ich wirklich heiße, wo und wann ich geboren bin, ich weiß es nicht."

Ausgestellt wurde die Geburtsurkunde von einem Sonderstandesamt. Es gehörte zum "Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS". In dem Gebäudekomplex residierte auch der "Lebensborn", ein Verein der SS, der arisch aussehende Jungen und Mädchen aus Norwegen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, aus Frankreich und Polen ins Deutsche Reich verschleppen ließ. Systematisch verschleierte die Schutzstaffel hier in der Herzog-Max-Straße die Identitäten von im Ausland geraubten Kindern. Die jungen Opfer sollten ihre Heimat vergessen, bekamen neue Namen und Geburtsdaten. Auch der Junge, der von den Nationalsozialisten Hermann genannt wurde, erhielt einen neuen, aufgezwungenen Lebenslauf.

"Vielleicht wurde ich meiner Mutter aus den Armen gerissen", sagt Hermann Lüdeking, der heute in Bad Dürrheim wohnt, im Schwarzwald. "Vielleicht hat die SS meine Eltern ermordet". Vor 72 Jahren endeten der Zweite Weltkrieg und die NS-Herrschaft. Doch die Verbrechen der SS bestimmen noch heute Lüdekings Leben. Die Nationalsozialisten haben ihn zu einem entwurzelten Menschen gemacht, der seit Jahrzehnten nach Wissen sucht, das ihm Halt geben soll. Das Wissen, wo er herkommt.

Viele Hinweise hat er nicht gefunden. Mit seiner gefälschten Geburtsurkunde, den anderen Dokumenten und mit dem Unrecht, das ihm als Kind zugefügt wurde, beschäftigen sich nun deutsche Gerichte. Lüdeking klagt gegen die Bundesrepublik, genauer gesagt gegen das Bundesfinanzministerium. Er klagt auf eine Entschädigungszahlung, obwohl er weiß, dass ihm das Urteil keinen Frieden bringen wird. Dafür müsste diese Ungewissheit aufhören, die ihn seit Jahrzehnten begleitet: Er will endlich wissen, wer seine Eltern sind, wie er von der SS verschleppt wurde, was mit seiner Mutter passiert ist.

"Ich war sechs, als sie mich geholt hat", erinnert sich Lüdeking

Die Geburtsurkunde konnte ihm bei seiner Suche nicht helfen. Ob Hermann Lüdeking wirklich in Bruckau zur Welt kam, ist fraglich. Sehr wahrscheinlich war er dort im Gaukinderheim. Ein schrecklicher Ort. Die Betreuer bestraften die Kinder für jedes Wort Polnisch, das sie sprachen. Jeden Verstoß gegen die strengen Regeln ahndeten die Mitarbeiter brutal: Schläge ins Gesicht und Essensentzug. Solche Grausamkeiten waren in den Lebensborn-Heimen gängige Erziehungsmethoden. Mit Gewalt sollte den Jungen und Mädchen die Erinnerung an ihre Familie, an ihre Heimat ausgetrieben werden. "Germanisierung" nannten das die Nationalsozialisten. Ein guter deutscher Junge, so hatte Adolf Hitler es gefordert, sollte hart wie Kruppstahl sein und zäh wie Leder. Diese "deutsche Härte" erzwangen die Erzieher bei den arisch aussehenden Jungen. Hermann war unterernährt, erkrankte an Tuberkulose.

Hermann Lüdeking sagt heute, er sei wohl 82 Jahre alt, genau wisse er das nicht. Er feiert seinen Geburtstag am 20. Januar, obwohl er ahnt, dass dieser Tag falsch ist. Im Krieg hat ein SS-Arzt sein Alter festgestellt, indem er die Dicke seiner Handwurzel vermaß, das sollte genügen. Der Junge galt als zu mager, sehr zart, schmächtig und körperlich gut zwei Jahre zurück, als er dem Mediziner gegenüberstand. Die Schutzstaffel des Führers, die mächtige SS, nahm es bei den Altersangaben nicht so genau. Arisches Aussehen bei den Kindern war das Wichtigste. Gutes und geeignetes "Menschenmaterial" aus den besetzten Gebieten Europas sollte den deutschen Volkskörper stärken. Dafür wurden die "eingedeutschten" Jungen und Mädchen an regimetreue Familien vermittelt. Kinder wurden ihren Eltern vom "Lebensborn" auch als Strafe weggenommen, wenn diese als Gegner der Nationalsozialisten galten. Sie wurden erst in Heimen umerzogen und dann an SS-Familien oder NSDAP-Mitglieder vermittelt.

Den "Lebensborn" hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS, Ende 1935 gegründet. Arische Frauen konnten in dessen Kliniken anonym entbinden, um Abtreibungen zu verhindern. Dadurch und durch den Raub der Kinder in Europa sollten jährlich 100.000 Säuglinge und Kleinkinder in die Heime des "Lebensborns" kommen. Himmler wollte so die nordische Rasse retten – ganz im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung.