Letztens habe ich mich bei meinen Vorgesetzten darüber beschwert, dass ich zu viele Aufgaben hätte und mich lieber um weniger Dinge kümmern würde. Überraschenderweise hatte ich damit keinen Erfolg. Sie versicherten mir, dass ich das schon alles hinkriegen würde – ich müsste mich nur gut organisieren.

Ich habe natürlich sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, denn ich bin fast lebensunfähig schlecht organisiert. Auch für diese Folge meiner Kolumne habe ich mir Notizen gemacht, die ich jetzt nicht mehr finde. In ein paar Zeilen wird eine Verkäuferin auftauchen, zu der hatte ich mir eigentlich einen total lustigen Witz überlegt. Sie werden leider drauf verzichten müssen.

Früher hatten mir die Dinge, die ich vergaß, nie besonders gefehlt. In der Arbeitswelt haben Aufgaben, die nicht erledigt werden, allerdings die miese Angewohnheit, zurückzukommen, um einen zu nerven. Deswegen versuche ich jetzt, Ordnung in mein Leben zu kriegen. Ich bin nicht der Einzige, gemessen an dem großen Angebot an Organisationssystemen, -apps und -philosophien: Da ist die Getting-Things-Done-Technik von David Allen; die Pomodoro-Methode (Italienisch für Tomate), die Arbeit in 25-Minuten-Intervalle einteilt; die Zero-Inbox-Methode; die Kanban-Methode; die Zen-to-Done-Methode. "Productivity" ist zu einem eigenen Genre geworden. Weil die Leute nicht nur arbeiten, sondern endlich auch mal was erledigen wollen.

Ich entschied mich für das sogenannte Bullet-Journal. Das ist eine spezielle Methode, ein Notizheft zu führen. Der Erfinder, Ryder Carroll, nennt es "ein analoges System für eine digitale Welt". Ein brutal guter Slogan. Man will ja eh wieder analoger werden.

Zur Funktionsweise des Bullet-Journals gibt es eine sehr gute Website mit Erklärvideo. Schauen Sie sich das an. Im Grunde benutzt man einfach ein spezielles Zeichensystem: Vor jede Aufgabe macht man einen Punkt. Erledigt man eine Aufgabe, durchkreuzt man den Punkt mit einem X. Am Ende einer Woche schaut man sich alle Aufgaben an und kann unerledigte per Pfeil nach rechts in den nächsten Monat schieben, per Pfeil nach links neu terminieren; oder einfach durchstreichen, wenn sie der Mühe nicht wert sind.

Ich bin also los, um mir ein Notizheft zu kaufen. Ich hatte schon eins, aber um ein richtig geiles Bullet-Journal zu führen, braucht man eins mit Punktraster. Und falls Sie sich fragen: Ja, die Leute machen Fotos von ihren Notizbüchern und teilen sie auf Instagram (#bujo). Es darf also nicht irgendein Heft sein. Ich dachte an so ein kleines schwarzes Lederbüchlein, das schien mir irgendwie hemingwayesque. Leider waren die beiden einzigen passenden Bücher im Geschäft neongrün oder neonorange. Ich fragte die Verkäuferin, welches sie besser finde; und hier sollte jetzt eigentlich ein Witz kommen.

Es funktioniert sehr gut. Etwas in seine Einzelteile zu zerlegen macht dieses Etwas immer weniger bedrohlich. Alles im Universum besteht aus kleineren Teilen, Moleküle bestehen aus Atomen, Atome aus Neutronen und Protonen, Protonen und Neutronen aus Quarks – und Arbeit besteht aus den Punkten auf einer To-do-Liste. Diese universelle Regel menschlicher Existenz habe ich inzwischen verinnerlicht.

Jetzt verpasse ich keine Termine mehr, vergesse keine Mails und verschlampe keine Notizen, weil alles in einem Büchlein steht. Auch toll: Man protokolliert, was man erledigt, so kann man am Ende des Tages noch mal nachgucken und stolz sein, weil man so produktiv gewesen ist. Außerdem hat man Daten. Man soll ja nicht nur auf Gefühle hören, sondern auch die Fakten betrachten. Meine Auswertung ergab, dass ich im Schnitt 7,5 Aufgaben am Tag erledige. Total interessant: Es fühlt sich immer an, als wären es mehr.

Das Gefährliche ist, dass man sich nur noch auf die Aufgaben konzentriert, die auf der Liste stehen. Das verengt den Blick. Denn nicht zu wissen, was ansteht, kann interessante Konsequenzen haben. Diese Rubrik zum Beispiel. Die entstand so: Ich ging zu einer Besprechung, deren Ziel es war, sich eine neue Kolumne zu überlegen. Nur hatte ich wohl das Memo übersehen. Als die Kollegen anfingen, ihre Ideen vorzutragen, bekam ich ein bisschen Angst. Als ich an der Reihe war, zog ich mein Telefon heraus, dessen Bildschirm ich ein paar Tage zuvor auf Grau gestellt hatte (Folge 1), stammelte was von "Dingen, die das Leben besser machen". Und jetzt sitze ich hier.

Wenn ich gewusst hätte, was ansteht, hätte ich mir sicher vorher irgendwas Schlaues überlegt. Und es ganz sicher versaut.