Im Steinpilzgebiet

Orust ist eine von etwa 1000 Inseln in Westschwedens Schärengarten und auf ihre steinige Art sehr schön und sehr schwedisch. Es gibt dort aber einen Ort, der – ganz unschwedisch – heraussticht: die Lådfabriken beim Fischerdorf Edshultshall.

Die ehemalige Holzkistenfabrik duckt sich zwischen Felsen und Bäume: ein zweistöckiges Gebäude aus tarngrauem Holz. Auf der Wäscheleine trocknen gelbe und blaue Handtücher. Wo mag die Rezeption sein? Eine Außentreppe führt ins Obergeschoss. Dort staubsaugt Johan Buskqvist in Shorts und Käppi. "Hej! Ich muss noch putzen. Geh rein zu Marcel, der macht dir Tee."

Unter der Treppe, versteckt hinter Blumen, finde ich die gläserne Eingangstür, eingerahmt von zwei jener Lattenkisten, denen die Lådfabriken ihren Namen verdankt, und zwei niederländischen Holzschuhen. Das war’s dann aber auch mit Folklore. Wer durch die Tür tritt, steht in einem weitläufigen Raum: Küche, Esszimmer, Wohnzimmer und Büro in einem. Oder doch eine Kunstgalerie? Statt der für Schweden typischen weiß gekalkten Holzmöbel steht hier ein karierter Quaderna-Tisch aus den Siebzigern vor einem Sofa mit apfelgrünen Kissen. Auf einer Anrichte mit Schubladen aus buntem Plastik drängeln sich knallfarbige Kerzenleuchter, Obstschalen, rosa-goldene Sardinendosen aus Portugal und ein frisch abgeschnittener Zweig Schlehen. An der Wand lehnen fröhlich bemalte Werbeschilder von Friseursalons aus Togo und Ghana. Ein Kissen in Ananasform liegt auf einer Art lederbezogenem Campingstuhl.

Bunt geht es auf den Zimmern zu. © Ann Street

Als farbscheuer Mensch brauche ich einen Moment, um das zu verarbeiten. Marcel van der Eng, graue Locken, dunkle Hornbrille, winkt vom Herd herüber. "Komm herein!", ruft er in niederländisch gefärbtem Deutsch. Es gibt Tee und ein bisschen Familiengeschichte: Marcel, ein Kulturmanager und Johan, ein Streetwear-Designer, hatten keine Lust mehr auf Fernbeziehung. Ihr Traum: ein gemeinsames Zuhause, "wo uns unsere Eltern besuchen können, ohne dass wir das Badezimmer teilen müssen". Für den in Göteborg aufgewachsenen Johan war die Insel Orust ein Sehnsuchtsort: Seine Großeltern wohnten in Edshultshall, hier verbrachte er seine Sommer, lernte am Strand vor der Lådfabriken schwimmen. 2008 stand das Gebäude zum Verkauf. Für die beiden schien es der perfekte Platz zum Leben. Allerdings ist es in Schweden verboten, Gewerbefläche als privaten Wohnraum zu nutzen. Also bauten sie die Kistenmanufaktur so um, dass sie Gäste beherbergen konnten. Seit 2013 ist ihr Traumhaus nun ein Bed & Breakfast. Oder, wie Marcel und Johan sagen, eine Unterkunft am Meer. Das Meer ist ihnen wichtig.

Irgendwann führt Johan mich herum. Mit Hilfe von Freunden hat das Paar seine Fabrik so hergerichtet, dass "viel Licht von Westen hereinkommt und nichts den Blick aufs Wasser verstellt". Das Licht strahlt einem entgegen, wenn man das Wohnzimmer betritt, fläzt sich auf dem gelben Samtsofa, streicht über die Vasen aus Muranoglas von Paolo Venini. Geht man nach oben, ist es schon da, malt Streifen auf die farbbefleckten, knarzenden Holzdielen. Die vier Zimmer sind alle kleine Versionen des Wohnzimmers: eingerichtet mit bunten Design- und Kunstobjekten. Das größte Schlafzimmer ist das der Gastgeber. Die übernachten allerdings während der Saison im Geräteschuppen. Weil ihr Schreibtisch im Wohnzimmer steht, die Küche offen ist und sie von Fahrräder-Reparieren bis Putzen alles selbst machen, sind die beiden trotzdem immer um einen herum. "Wir verbringen gern Zeit mit den Gästen. Früher sind wir um die Welt gereist. Jetzt kommt die Welt eben zu uns", sagt Marcel.

"Komm, wir gehen Pilze plocka", schlägt Johan mir in schwedischem Deutsch vor. Auf Hollandrädern fahren wir den Hügel hinauf und einen zugewachsenen Waldweg hinunter, vorbei an Biberbauten und grüngoldenen Buchten. "Mach deine Pilzeaugen an", ruft Johan über die Schulter. Muss ich nicht. So große Steinpilze kann man nicht übersehen. Mit vollen Satteltaschen radeln wir zurück. Die Pilze gibt es aber erst morgen. Denn als wir ankommen, hat Marcel das Abendessen schon fast fertig. Dinner muss man vorbestellen, serviert wird für alle das Gleiche. Heute: Rotzunge und Krabben, am Morgen beim Fischer im Dorf gekauft, und Kuchen mit Rhabarber aus dem Garten. Acht Gäste sitzen am Tisch. Zum Fremdeln kommen wir gar nicht erst. Die am Herd stehenden Gastgeber plaudern mit allen, so als wären wir nicht nur für ein paar Tage, sondern schon seit Wochen zu Besuch. Helfen lassen wollen sie sich aber nicht. Johan hängt zu sehr am Geschirr.

Satt im Bett liegend, höre ich die beiden in der Küche aufräumen, bis ich einschlafe. Am Morgen weckt mich das Geräusch der Espressomaschine. Den Vormittag verbringe ich im Liegestuhl im Garten. Der Spätsommertag ist warm, golden und elastisch, zieht sich wie Honig. Auch Stille gibt es im Überfluss. Nach den Ferien stehen viele der Holzhäuser in den benachbarten Dörfern Edshultshall und Hälleviksstrand leer. Keine Leute, keine Autos. Marcel hat sich mit einem Kaffee dazugesetzt. Ist es hier immer so ruhig? Er schüttelt den Kopf. "Im Frühling verstehst du wegen der Vögel dein eigenes Wort nicht mehr", sagt er. Und bald darauf: "Wollen wir paddeln gehen?"

Schwedische Zurückhaltung findet man in der Lådfabriken nicht. Dafür leicht neue Freunde. Marcel formuliert es so: "Wer bei uns ein Zimmer bucht, bekommt uns mit dazu."

Lådfabriken: Sollid 398, 47494 Edshultshall, Tel. 0046-304/521 00, ladfabriken.eu. DZ ab ca. 157 €