Es war einmal ein Märchenkönig im Morgenland, den sie "MBS" nannten. Mohammed bin Salman war jung, hip und reformeifrig, Lichtjahre entfernt von seinen geriatrischen Vorgängern. Doch nannten sie ihn auch "Abu Rasasa", Vater der Kugel. Die hatte er einst einem Kataster-Beamten geschickt, der sich geweigert hatte, MBS ein Stück Land zu übereignen.

In Ungnade war auch Jamal Khashoggi gefallen, der offenbar im saudischen Konsulat in Istanbul umgebracht wurde. So frech sind nicht einmal die Russen, die wenigstens ihre Spuren verwischen, wenn sie Putin-Feinde in England vergiften. Bin Salmans Reformen, sosehr sie auch im Westen gefeiert wurden, hatten in Wahrheit nur ein Ziel: die absolute Macht, weder Checks noch Balances. Donald Trump, ein früher MBS-Fan, tobt und droht mit Strafen. Die Größen der Weltwirtschaft sagen dutzendweise ihre Teilnahme an "Davos in der Wüste" ab, wo MBS seine Investment-Initiative im Wert von einer halben Billion Dollar an den Mann bringen will.

Empörung ist das Mindeste, was der Westen zeigen muss. Was noch, wenn sich bewahrheitet, dass Riads schmutzige Hände im Spiel waren? Jetzt wird es kompliziert, weil Werte und Interessen gerade dort auseinanderklaffen, wo Schurkenstaaten zugleich wichtige Partner sind, zum Beispiel Riad, Moskau, Ankara und Peking. Mit denen sollten wir eigentlich nicht paktieren. In der Türkei sitzen 144 Journalisten im Gefängnis. Die Russen bringen reihenweise Putin-Gegner um. Peking pfercht muslimische Uiguren in "Umerziehungslagern", vulgo: KZs, zusammen. MBS will aus seinem Land ein mittelöstliches China machen: Modernisierung plus Alleinherrschaft.

Leider brauchen wir die Despoten. Erdoğan hält an der syrisch-türkischen Grenze Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland zurück. Obwohl Putin auf Expansionskurs ist, will Berlin gedeihliche Beziehungen mit der allzu nahen Supermacht. Der Öl-Gigant Saudi-Arabien bestimmt den globalen Ölpreis; für Amerika ist er der unverzichtbare Verbündete gegen den Iran und Russland. Ähnlich das Ägypten des Putschisten General Sissi, dem Obama schon ab 2015 wieder Waffen geliefert hat. Seit 2013 sitzen 20 Journalisten im Knast.

Libyen gehört blutrünstigen Warlords, und doch muss sich Berlin mit ihnen arrangieren, damit sie afrikanischen Migranten den Weg übers Mittelmeer versperren. Algerien, eine Diktatur, hat im Jahr 2017 deutsche Waffen im Wert von einer knappen Milliarde Euro erhalten – mehr als jedes andere arabische Land. Traurig, aber wahr: Strategische Interessen werden regelmäßig die reine Moral überwältigen. "Der Staat ist ein kaltes Monster", dozierte der Zyniker Nietzsche. Was die Demokratien tun können? Vorweg: nicht schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen. Ein Mord im Konsulat rüttelt ebenso an den Grundfesten des Staatenverkehrs wie die Gift-Attacken in England. Deshalb kann die Verdammung nicht laut genug sein, und handfeste Sanktionen müssen folgen.

Werden sich die Despoten deshalb bessern, zumal sie wissen, dass sie gebraucht werden? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem müssen Grundwerte hochgehalten werden, auch wenn sie in der schnöden Praxis immer wieder unterlaufen werden. Mit der reinen Moral kann man keine Politik machen. Doch die reine Amoral – Interessen über alles – führt in die Hölle des blanken Nihilismus.