Weil sie an einer öffentlichen Schule in Hamburg "Religion für alle" unterrichten will, muss eine katholische Studentin evangelisch werden. Das klingt absurd, wurzelt aber in einem traditionsreichen Konflikt.

Eine junge Frau wird unter Druck gesetzt, ihren Glauben aufzugeben – nicht in einem fernen Land, sondern in Hamburg. Und auch nicht für die Ehe oder aus familiären Gründen, sondern aus beruflichen – sie soll Mitglied der evangelisch-lutherischen Nordkirche werden. Noch ist sie Katholikin, aber wenn sie es bleiben möchte, muss sie den Beruf aufgeben, für den sie sieben Jahre lang studiert hat.

Anna Makowski, so soll sie hier heißen, möchte Religionslehrerin werden. Evangelisch-lutherische Religionslehrerin – ist das nicht ein verrückter Berufswunsch für eine Katholikin? Man könnte es glauben, aber die Wirklichkeit ist komplizierter.

Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen der Hansestadt ist Sache der evangelischen Kirche. Schon seit Jahrzehnten werden Angehörige unterschiedlicher Konfessionen gemeinsam unterrichtet: "Religionsunterricht für alle" heißt es hier offiziell. Auch Anna Makowski hat als Schülerin diesen multikonfessionellen Unterricht genossen, den sie nun selbst erteilen möchte. Es ist Unterricht für Angehörige aller Konfessionen, aber: nicht von allen. Wer unterrichten will, muss entweder schon Protestant sein oder konvertieren.

Noch eine Stunde bis zwölf Uhr, dann ist ihr Konversionstermin. Anna Makowski ist nervös; wenn etwas schiefgeht, hat sie umsonst studiert. Sie habe nicht wirklich eine Wahl, sagt sie. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen zu konvertieren, wenn ich nicht müsste." Das ist auch ein Grund für ihre Unsicherheit: "Ich weiß nicht, wie ehrlich ich mit dem Pastor sein kann." Kann sie ihm sagen, dass sie im Grunde nur aus beruflichen Gründen konvertiert? Reicht das, um Protestantin zu werden? Wohl kaum. Andererseits will sie einen Geistlichen nicht belügen.

Anna Makowski ist 25 Jahre alt, neben ihrem Studium arbeitet sie in einer Kneipe. Gestern hat sie extra früher Feierabend gemacht. "Damit ich beim Pastor gleich nicht so zerstört aussehe."

Die katholische Kirche, der Anna Makowski ihr Leben lang angehörte, ist nur wenige hundert Meter vom Pastorat entfernt, in dem sie gleich vorspricht. Jedes Weihnachten war sie mit ihren Eltern in dieser Kirche. Hier ist sie zum Kindergarten gegangen, ihre Grundschule war der Kirche angeschlossen. "Vorgestern bin ich dort ausgetreten. Das war schon komisch." Komisch? "Ich weiß noch nicht, wie das nächstes Weihnachten werden soll", sagt sie. Es ist Viertel vor zwölf, zum Pastorat geht man fünf Minuten, aber sie will nicht zu spät kommen.

Wer verstehen will, wie Anna Makowski in die Lage geraten konnte, in der sie sich jetzt befindet, muss die Geschichte der katholischen Diaspora im traditionell evangelischen Norden kennen. Als das Hamburger Schulwesen nach dem Zweiten Weltkrieg neu geordnet wurde, verzichtete das Erzbistum darauf, konfessionellen katholischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anzubieten. Stattdessen gründete es katholische Schulen.

Aus diesem Grund war der einzige Religionsunterricht, der an öffentlichen Schulen in Hamburg angeboten wurde, evangelisch. Von Beginn an schickten auch Katholiken ihre Kinder an öffentliche Schulen und in den evangelischen Religionsunterricht. In den Sechziger- und Siebzigerjahren kamen die Kinder von Gastarbeitern dazu. Erst Italiener, Portugiesen und Griechen, dann auch immer mehr Kinder muslimischer Einwanderer. So entstand ein Religionsunterricht für alle, lange bevor er so bezeichnet wurde. Was auf den ersten Blick restriktiv scheint, ergab sich aus dem liberalen Umgang der Nordkirche mit Schülern anderer Glaubensrichtungen. Beim Lehramt allerdings endete die Liberalität der Kirche.

Anna Makowski steht vor dem tiefen, patinagrünen Zeltdach der Christophoruskirche. Nervös kaut sie auf ihrem Kaugummi herum. Sie ist zehn Minuten zu früh und wartet, dass es aus dem Kirchturm zwölf schlägt.

Warum hat sie eine Berufsentscheidung getroffen, die sie in diese Lage brachte? "Der Grund für meine Entscheidung, evangelische Theologie zu studieren, ist ganz einfach", entgegnet sie. "Es gab damals nichts anderes." In einem Land, in dem die evangelische Kirche de facto das Monopol für Religionsunterricht hatte, hielt es die Universität lange nicht für nötig, ein katholisches Lehramtsstudium zu ermöglichen. Inzwischen ist das anders, aber für Anna Makowski kam die Wende zu spät. Heute könnte sie katholische Theologie studieren und katholischen Religionsunterricht erteilen. Im Jahr 2011 aber, als sie ihr Studium begann, mussten Religionslehrer an öffentlichen Schulen evangelische Theologie studiert haben.

War der jungen Frau nicht klar, dass sie würde konvertieren müssen, um ihren Beruf auszuüben? Ja, das habe ausdrücklich in den Zulassungsvoraussetzungen gestanden, sagt Anna Makowski. Seitens der Universität hieß es allerdings gleich zu Studienbeginn, dass es für Studierende anderer Konfessionen eine Sonderregelung gebe. Man müsse nur einen Antrag ausfüllen, um die Erlaubnis zu erhalten – so erinnert sie sich.