Es muss eine Zeit gegeben haben, als selbst Wladimir Putin glaubte, dass Politik und Verantwortung zusammengehören. "Er wich vor der Verantwortung nicht zurück und hielt selbst in schwierigen Situationen mit Mut und Ehre jeden Schlag aus", sagte Putin über Jegor Gaidar, als der vor neun Jahren starb. Das ist bemerkenswert, weil Gaidar Putins politischer Gegner war.

Gaidar, zu Beginn der Neunzigerjahre Wirtschaftsminister und kurze Zeit Ministerpräsident, war Jünger eines gnadenlosen Wirtschaftsliberalismus. Er verpasste Russland eine sogenannte Schocktherapie, trieb die Privatisierung voran und ließ die Oligarchen gewähren. Wer wusste damals schon, wie eine marode sozialistische Volkswirtschaft am besten in eine kapitalistische zu transformieren wäre? Die einen sagen: Gaidar hat Russland gerettet. Die anderen sagen: Gaidar hat uns ins Elend gestürzt. Gaidar sagte: "Einer musste es ja tun." Er übernahm also Verantwortung für das, was heute nur noch als Chaos erinnerlich ist.

In den späteren Jahren kehrte das Land jedoch zu einem System der "prinzipiellen Verantwortungslosigkeit" zurück, wie der russische Publizist Semjon Nowoprudski den russischen Normalzustand bezeichnet. Nowoprudski glaubt, dass diese systemische Verantwortungslosigkeit der Kern der meisten russischen Probleme sei: ein Staat, der Verantwortung zeigen müsste, sich aber nicht um die Gesellschaft schert. Eine Gesellschaft, die Verantwortung einfordern müsste, aber nicht glaubt, dass es auf sie ankommt. Regierte und Regierende haben sich in diesem System eingerichtet.

So geht es manchmal zu in autoritär regierten Staaten; das Besondere am System Putin ist nun aber, dass der russische Staatspräsident auch im Umgang mit anderen Ländern nichts davon hält, Verantwortung zu übernehmen.

Russlands neue Dreistigkeit macht seine westlichen Verhandlungspartner bisweilen ratlos. Nach jedem Skandal, dessen Spur in den Kreml führt, versichert Putin, der russische Staat habe rein gar nichts damit zu tun. Die Lüge aufrechtzuerhalten, selbst wenn sie widerlegt ist, das ist selbst den Amerikanern nach dem Irakkrieg nicht gelungen. Putin hingegen kommt damit durch. Bisher.

Doch das könnte sich jetzt ändern. Der Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal ging einfach zu weit. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten bereiten verschärfte Sanktionen vor. Der Ton wird ernster.

Der jüngste Skandal hat es aber auch in sich. Skripal und seine Tochter wurden wenige Monate vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2018, die in Russland ausgetragen wurde, im englischen Salisbury vergiftet aufgefunden. Weil das sowjetische Nervengift Nowitschok angewandt wurde, ein militärischer Kampfstoff, fiel sogleich der Verdacht auf die russischen Geheimdienste.