Auf keinem Feld der internationalen Politik wird mehr geheuchelt als in der Nahostpolitik. Doch ausgerechnet dort ereignet sich dieser Tage ein rarer Moment der Wahrheit. Möglich zwar, dass nie alle Fakten über den mutmaßlichen staatlichen Auftragsmord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi aufgedeckt werden. Aber die Wahrheit über die verlogenste Beziehung der Weltpolitik – die Partnerschaft des Westens mit Saudi-Arabien – kommt nun Stück für Stück zutage.

Zwei Wochen nachdem Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul betreten hatte, änderte die Regierung in Riad am Dienstag plötzlich ihre Erklärung für das Verschwinden des Journalisten. Bis dahin hatte man behauptet, Khashoggi habe das Gebäude wieder verlassen, man wisse nicht, wo er sich aufhalte. Nun hieß es in vorab verbreiteten Meldungen über einen noch in Arbeit befindlichen Bericht saudischer Behörden, Khashoggi sei bei einer "verunglückten Befragung" im Konsulat umgekommen. Davon hätten weder der König noch Kronprinz Mohammed bin Salman gewusst, vielmehr seien "abtrünnige Elemente" in den Sicherheitskräften verantwortlich. Die würden nun selbstverständlich zur Verantwortung gezogen.

Präsident Trump machte sich diese Deutung zu eigen: Er habe mit dem König telefoniert, ließ er vor Journalisten verlauten. Er halte es danach für denkbar, dass "abtrünnige Killer" Khashoggi ermordet haben – was der US-Senator Chris Murphy angesichts der absoluten Herrschaft im Königreich und des abgeschirmten Tatorts umgehend "lächerlich" nannte.

Trump hatte zuvor klargemacht, dass er nicht bereit sei, aufgrund des Skandals die lukrativen Waffengeschäfte mit den Saudis zu gefährden. Er hat auch private Interessen: Im Wahlkampf bereits hatte Trump sich gerühmt, er liebe die Saudis, denn sie kauften Apartments von ihm, "für 40, für 50 Millionen Dollar".

Es geht in der Affäre Khashoggi aber nicht nur um staatliche und private Wirtschaftsinteressen, sondern auch um die Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik im Nahen Osten.

Trumps Vorgänger hatte eine Kurswende vollzogen: Nach Jahrzehnten der einseitigen Parteinahme für Riad suchte Obama die Balance zwischen der schiitischen Vormacht Iran und dem sunnitischen Königreich. Den Paria Iran holte er durch den Atomdeal in die Weltpolitik zurück und riet den Herrschern in Riad, sie müssten die Region mit Teheran teilen. Um die Saudis zu besänftigen, versorgte er sie großzügig mit Waffen. Es half nichts. Riad fühlte sich verraten.