Keine fünf Verse, da erzählt die Bibel schon von einer Scheidung: Gott sieht, dass das Licht gut war, und schon "scheidet" er es von der Finsternis (nicht, weil sie nicht gut ist). Die Scheidung ist also älter als der Mensch. Sie gehört zum Leben – eben deshalb gebührt ihr auch Platz im Gottesdienst.

Paare bleiben beisammen, Paare trennen sich. Das ist gesellschaftliche Realität. Die Ehe ist also ein Wagnis, das noch immer in fast der Hälfte aller Fälle nicht wie geplant verläuft und vor dem Tod endet. Seit einigen Jahren werden deshalb in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche Scheidungsrituale diskutiert und erprobt. Lange Zeit geschah dies nur sehr vorsichtig und leise, inzwischen aber hat das Thema eine gewisse Prominenz und Dringlichkeit erlangt: Vor Kurzem erst hat etwa Margot Käßmann (die selbst geschieden ist) vorgeschlagen, Geschiedene könnten in einem Gottesdienst symbolisch ihre Ringe abstreifen und auf den Altar legen. Eine gute Idee. Und auch in der katholischen Kirche wird gestritten: An der Frage, ob und unter welchen Bedingungen wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion erhalten dürfen, wäre im vergangenen Jahr fast die katholische Kirche zerbrochen. Mit dem Schreiben Amoris laetitia hatte Papst Franziskus die Zulassung zu den Sakramenten aus Gründen der Barmherzigkeit im Einzelfall für möglich erklärt.

Doch bevor Rituale gefunden und erprobt werden können, brauchte es zuerst eine Theologie der Scheidung. Es muss doch eine Lesart dazwischen geben, eine Deutung der Scheidung, die die Eheleute und ihre Sorgen, ihr Glück, ja ihre Beziehung ernst nimmt, auch wenn sie zerbricht!

Scheidung ist oft schmerzlich für alle Beteiligten. Mit ihr wird für viele der Traum vom ewigen Glück zum Albtraum. Das Paar, das sich – vor Staat, Gott und Gemeinde – einmal ewige Treue gelobt hat, konnte dieses Versprechen nicht halten. Auch dem eigenen Anspruch ist es nicht gerecht geworden. Oftmals sind Kinder die Leidtragenden. Und auch das weitere Umfeld hat Anteil an einer Trennung. Freundeskreise müssen sich bei der nächsten Geburtstagsparty entscheiden, wen von beiden sie möglicherweise einladen. Die Beziehung zu den Schwiegereltern wird gekappt.

Für die Gesellschaft bleibt die Scheidung eine Unanständigkeit. Der Staat hat ein Interesse an festen Bindungen, an Stabilität und Berechenbarkeit. Dementsprechend ist die Gesellschaft auch betroffen, wenn diese Grundbedürfnisse ins Wanken geraten. Die Bürokratie hält Geschiedenen ihre Unanständigkeit deshalb andauernd vor: "Geschieden" haben sie fortan auf Formularen anzukreuzen – es sei denn, sie heiraten erneut.

Über Jahrhunderte wurde die Scheidung äußerst unterschiedlich gehandhabt. Die Thora etwa untersagt zum Schutz der Frau die leichtfertige Ehescheidung. Allerdings kennt das Althebräische sowohl für "Ehe" als auch für "Scheidung" keine eigenständigen Begriffe. Bestanden triftige Gründe, war die Ausstellung eines Scheidebriefes durch den Mann möglich. Ob der Mann der Frau diesen Scheidungsbrief übergab, wurde über die Jahrhunderte ebenfalls sehr unterschiedlich gehandhabt. Im 1. Jahrhundert existierten beispielsweise mehrere Auffassungen nebeneinander. Die Auseinandersetzung von Jesus mit den Pharisäern und Sadduzäern ist nur ein Zeugnis davon, dass selbst innerjüdisch keine Einigkeit in dieser Frage herrschte. Dazu kam die Regelung des griechisch-römischen Rechts: Die Initiative zur Scheidung konnte von beiden Partnern ausgehen. Allerdings wurde auch hier die unbedingte eheliche Treue nur von der Frau erwartet. Ob dies gemeint ist, wenn von der "traditionellen Ehe" die Rede ist?

Zumindest ist zu befürchten, dass sich diese Tradition bis in unsere Zeit gehalten hat. Simone de Beauvoir schreibt in "Das andere Geschlecht": "Die Polygamie im Rahmen der Ehe ist immer mehr oder weniger offen geduldet worden: Der Mann mag sein Bett mit Mägden, Kebsen, Konkubinen, Mätressen oder Huren teilen, aber er ist gehalten, gewisse Vorrechte seiner rechtmäßigen Ehefrau zu respektieren." Diese habe lediglich bei Misshandlung und Beleidigung die mehr oder weniger konkret garantierte Möglichkeit, ihrerseits eine Trennung oder Scheidung zu veranlassen.

Im Islam ist Scheidung grundsätzlich Männern und Frauen möglich. Interessant ist die Verpflichtung der Frau, die aus Sure 2.228 hervorgeht, mit der Scheidung bis zur nächsten Menstruation zu warten. Hier wird deutlich, dass es sich bei diesem Eheverständnis um ein Versorgungsverhältnis handelt. Die Frau, die durch die Ehe aus ihrer Familie in den Haushalt ihres Mannes übergeht, kann nicht in die Unsicherheit entlassen werden, wenn sie möglicherweise schwanger ist. Und selbst im strengen katholischen Eherecht ist es möglich, eine Ehe für nichtig zu erklären, was in der Praxis gerne als katholische Form der Scheidung gehandhabt wird.