Gut möglich, dass das Abendland, wie von manchen behauptet wird, mit dem Christlichen nichts mehr am Hut hat. Allerdings fällt auf, dass religiöse Vorstellungen nach wie vor wirksam sind, wenngleich in verweltlichter Form. Schuld und Sühne, Sünde und Erlösung, Rechtfertigung und Verzeihung – diese christlichen Kategorien bestimmen nicht dem Wort, aber der Sache nach die zeitgenössische Moral noch immer. Doch weil ihnen der Gottesbezug abhandengekommen ist, fehlt ihnen die letzte Begründung, und folglich werden sie ideologisch.

Mit dem Gedanken der Sünde zum Beispiel können nicht mehr viele etwas anfangen, aber dass wir, die Bewohner der westlichen Welt, eine fortwirkende Schuld auf uns geladen haben, die wir durch tätige Reue tilgen müssen, dieses Argument ist weit verbreitet und wirkt bis hinein in die politische Sphäre.

Für Verzeihung ist nicht mehr Gott zuständig, sondern die Menschheit, und in ihrem Sinn müssen wir die jeweiligen Opfer unseres immerzu verfehlten Lebenswandels um Entschuldigung bitten. Erlösung können wir nicht mehr von einem Jenseits erhoffen, sondern allein von einer diesseitigen Rechtfertigung, die von uns einen Sinneswandel erfordert, eine Umkehr – jene metanoia also, von der im Neuen Testament oftmals die Rede ist.

Luther hatte bezweifelt, dass die Rechtfertigung durch gute Taten gelingen könnte. Er sah im Menschen den Sünder von Anbeginn. Nicht wenige seiner unwissentlichen Nachfolger, die ihn zumeist gar nicht kennen, erblicken ähnlich wie er im schieren Dasein des Menschen ein Übel. Der Begriff des "ökologischen Fußabdrucks" entwirft das Bild eines Schädlings, der mit jedem Schritt Unheil anrichtet. Im Gegenzug wird "Natur" zum Ort des Heils. Sie verspricht ein ursprüngliches Paradies, dessen Rekonstruktion auch dann geboten scheint, wenn sie die gezähmte Lebenswelt, die moderne Zivilisation konterkariert.

Der Wolf, den die Märchen und Mythen zahlloser Völker als ärgsten Feind des zahnlosen Menschengeschlechts betrachten, erscheint in den Augen der verweltlichten Eschatologen als die Verkörperung des archaisch Guten. Seine erfolgreiche Wiederansiedelung beweist in ihren Augen, dass die Rückkehr in den Naturzustand gelingen kann. Das berühmte Diktum des Thomas Hobbes in seinem Leviathan (1651), der Mensch sei dem Menschen ein Wolf (homo homini lupus) erhält in der grünen Utopie sein aktuelles Widerwort: Der Mensch ist dem Wolf ein Mensch, nämlich der verderbte Adam, mit dessen Auftauchen der Frieden der Natur dahin war.

Die Natur, was immer darunter verstanden sein soll, wird nunmehr als eine Art Gottheit verehrt, die gnädig gestimmt werden muss. Sie verlangt negative Opfergaben in Form des Verzichts – des Verzichts auf Sicherheit, auf Bequemlichkeit, auf das gute Leben, das immer schon falsch ist. Sie verlangt Askese. Askese ist eine der ältesten religiösen Übungen. Für die unchristlichen Erben des christlichen Abendlandes besteht das gute Gewissen darin, ein schlechtes Gewissen zu haben.

Die Gebote der säkularisierten Rechtfertigung sind unüberschaubar geworden. Der verantwortungsgeplagte Zeitgenosse kann sich leicht darin verirren. Wenn er an die Überfischung der Meere denkt und zum tiefgekühlten Zuchtfisch greift, muss er sich die Verseuchung des Wassers durch Chemikalien vorhalten lassen. Wenn er sich vegetarisch ernährt, wird er überlegen, ob der Verzehr von Salat und Gemüse aus heimischem Anbau je nach Jahreszeit nicht höhere Energiekosten verursacht als Importe aus warmen Regionen. Ersetzt er tierisches Eiweiß durch Tofu, so muss er die mörderischen Umstände des Soja-Anbaus in Rechnung stellen. Packt er seine Einkäufe, um den Plastikmüll zu mindern, in eine Papiertüte, so hört er zu seinem Kummer, dass die Herstellung von Papiertüten energieaufwendig und umweltschädlich ist. An Urlaubsreisen darf er gar nicht denken. Fliegen wäre kriminell, das Auto verbietet sich, und die Bahn kann er sich nicht leisten. So steigt er denn auf sein Fahrrad und träumt von der Postkutsche.