Sepp Hochreiter hält nichts davon, auf seinem Smartphone Textnachrichten zu schreiben. Eigentlich, behauptet der Informatiker, könne er das nicht einmal. Ein Glück, dass das Herumgetippe auf dem Mobiltelefon ohnehin kaum mehr nötig sei: "Okay, Google, wie hat Bayern München gespielt?", fragt Hochreiter in das Gerät, das ihm, dem gebürtigen Bayer, leider nur von einem 1 : 1 berichten kann.

Die Grundlage für Sprachassistenten in Smartphones oder in Lautsprecherboxen wie Amazons Alexa ist das Werk von Sepp Hochreiter, 51 Jahre alt und viel hemdsärmeliger Humor. Seit 2006 leitet er das Institut für Bioinformatik an der Uni Linz, doch zum Star der Technologieszene zwischen Seoul und Silicon Valley wurde er dank seiner Forschung zu künstlicher Intelligenz (KI).

Im Vorjahr hat man fieberhaft um Hochreiter gekämpft in Oberösterreich, nachdem der Spitzenforscher laut überlegte, eines der ebenso prestigeträchtigen wie lukrativen Angebote anzunehmen, die ihn aus aller Welt erreichen. Dennoch fläzt er sich an einem dieser sonnigen Herbstnachmittage in seinem Drehsessel am Institut, das neuerdings Institut für Machine Learning heißt. Nicht nur dieser Name ist frisch. Hochreiter soll auch das neue Artificial Intelligence Lab aufbauen, ein vom Land Oberösterreich mit 12 Millionen Euro gefördertes Prestigeprojekt, mit dem man Unternehmen anlocken und eine zukunftsfähige Wirtschaft entwickeln will. Das Aushängeschild ist der Forscher, der mit Weltkonzernen kooperiert und als Berater bei der deutschen Regierung ebenso gefragt ist wie bei der österreichischen oder chinesischen.

Linz, der künftige Nabel der KI-Welt? "Ne, das geht gar nicht", schnaubt Hochreiter. In tiefbayerischer Färbung und völlig unverfroren schildert er dann, wie er Leuten von Google oder Amazon bereits abgeraten habe, sich hier mit einem Forschungszentrum anzusiedeln.

Hinter so viel Chuzpe steckt die Abgeklärtheit eines Wissenschaftlers gegenüber dem Rummel, der derzeit um künstliche Intelligenz gemacht wird. Dabei ist Hochreiter für diesen Hype sogar mitverantwortlich: Er ist der Kopf hinter jener Grundlagentechnologie, die nicht nur den Durchbruch von Sprachassistenten, sondern von intelligenten Maschinen insgesamt ermöglicht hat. Long Short Term Memory (LSTM) heißt das System, auf dem die Erkennung von Handschriften, Sprache oder Gesichtern beruht. Zentrale Fortschritte bei selbstfahrenden Autos basieren ebenso auf dem Modell wie der Sieg des Computerprogramms AlphaGo über menschliche Spitzenspieler beim Brettspiel Go. Im Kern ist LSTM ein neuronales Netzwerk, das funktioniert wie ein Kurzzeitspeicher, aber sich Dinge sehr lange merken kann. So werden Maschinen zunehmend eigenständig lernfähig, anstatt mit winzigen Informationen und Regeln einzeln gefüttert werden zu müssen.

Es ist 27 Jahre her, dass Hochreiter die Grundlagen dafür in seiner Diplomarbeit beschrieben hat – im zweiten Teil, "den mein Betreuer wohl nicht genau gelesen hat". Jahre später erst fiel die Arbeit dem Betreuer, Jürgen Schmidhuber, wieder ein. Gemeinsam präsentierten sie das Modell in einem Beitrag, der erst nirgendwo angenommen, dann im Jahr 1997 in einem Journal zwar publiziert wurde – "aber alle in der Community sagten, das kapieren wir nicht, das interessiert uns nicht".

Sepp Hochreiters Forschung zu Künstlicher Intelligenz machte ihn zum Star der Technologieszene. © JKU

Bis vor wenigen Jahren ließen sich Hochreiters Ansätze – hinter LSTM stecken grundlegende Berechnungen über mathematische Probleme, deretwegen KI lange nur mehr schlecht als recht funktionieren wollte – in der Praxis nicht testen. Rechnerkapazitäten waren viel zu klein, die Ära der zum sogenannten Deep Learning nötigen Big Data war noch nicht angebrochen. Doch vor einigen Jahren hat sich das Blatt gewendet. Die LSTM-Netze wurden erst von Google, bald von nahezu allen anderen Technologiegiganten eingesetzt.

Verstehen könne das Prinzip immer noch fast niemand, "aber alle haben gesehen, dass es super funktioniert", sagt Hochreiter. Er erzählt, wie er den Spitzeninformatikern aus dem Silicon Valley, die er alle nur beim Vornamen nennt, immer wieder auf die Sprünge helfen müsse. "Da gibt’s den einen Typen, dessen Leute rufen mich dauernd an, der heißt Elon Musk und hat so eine Autofirma. Der macht einen Haufen Fehler, und ich muss denen immer sagen, wie sie es richtig machen."

Was bei anderen überheblich klänge, kommt bei Hochreiter wie ein Stammtisch-Scherz beim Weißwurstfrühstück daher. Der Pionier passt weder zum Klischee des IT-Nerds noch zum exaltierten Macherimage der Hightech-Gründer. Träfe man Hochreiter nicht im Institut am Linzer Science Park, wo Dutzende junge Forscher vor Wandtafeln voller algebraischer Endlosschlangen in ihre Bildschirme versinken, dann würde er gut als derjenige durchgehen, der er eigentlich werden sollte: ein Landwirt in Oberbayern.