Frage: Frau Bergmann, eine Fallstudie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der katholischen und evangelischen Kirche hat vor Kurzem ergeben, dass zwei Drittel der Fälle in der katholischen Kirche stattgefunden haben, ein Drittel aber auch in der evangelischen. Hat Sie dieses Verhältnis überrascht?

Christine Bergmann: Nein, das war mir nicht neu. Schon 2011 hat die wissenschaftliche Begleitforschung an der telefonischen Anlaufstelle bei der Unabhängigen Beauftragten dieses Verhältnis ergeben.

Frage: Die katholische Kirche hat jüngst eine bundesweite Missbrauchsstudie vorgelegt. Braucht es eine solche Studie jetzt auch auf evangelischer Seite?

Bergmann: Das kann ich nur bejahen. Diese Studie zeigt zwar nur die Spitze des Eisbergs, weil die Forscher unter anderem keinen direkten Zugang zu den Akten hatten. Aber sie liefert doch einen wichtigen Einblick. Eine solche Studie für die evangelische Kirche wäre schon wichtig und wünschenswert, auch wenn sie nicht die unabhängige Aufarbeitung der Landeskirchen ersetzt.

Frage: Ärgert Sie, als Protestantin, dass Ihre Kirche bei der Aufklärung ihrer eigenen Schuldgeschichte hinterherhinkt?

Bergmann: Es war schon klar, dass die katholische Kirche nicht allein schuldig geworden ist. Mich ärgert vor allem, dass bisher eine Aufarbeitung aber immer nur dann passiert ist, wenn Betroffene nicht lockergelassen haben. Dabei wäre die Aufklärung doch auch im Interesse der Kirche! Zuerst natürlich, um den Opfern Anerkennung zu verschaffen, aber natürlich auch, um herauszufinden, wo Veränderung geschehen muss, damit so etwas nicht wieder passiert.

Frage: Ist also die evangelische Kirche bisher schlichtweg verschont geblieben von einem großen Skandal, wie ihn die katholische Kirche 2010 mit dem Canisius-Kolleg erlebt hat?

Bergmann: Es waren immer auch Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche in den Medien, die allerdings als Einzelfälle angesehen wurden, aber begünstigende Strukturen gibt es auch hier. Beim öffentlichen Hearing der Unabhängigen Kommission im Juni haben Betroffene aus beiden Kirchen über ihre leidvolle Geschichte gesprochen, über die sexualisierte Gewalt, die sie als Kinder und Jugendliche erlebt haben, die fehlende Hilfe und die Abwehr, wenn sie nach Jahrzehnten versuchten, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Täterschutz und Institutionenschutz gingen auch bei den Protestanten vielfach vor Kinderschutz, auch sie haben vertuscht und den Betroffenen vielfach keine Unterstützung angeboten. Auch die evangelische Kirche hat die Pflicht, das Unrecht an den Betroffenen anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen.

Frage: Wie könnte denn jetzt die Aufarbeitung evangelischerseits aussehen?

Bergmann: Wünschenswert wäre, wie schon genannt, eine EKD-weite Studie. Die einzelnen Landeskirchen müssen konsequent und vor allem unabhängig aufarbeiten. Es muss ans Licht, was passiert ist, warum es passieren konnte, wie damit umgegangen wurde. Das ist die Voraussetzung für eine wirksame Prävention. Die Aufarbeitung muss transparent sein, alle Fälle müssen erfasst werden und öffentlich einsehbar sein, an einer zentralen Stelle.

Frage: Der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken hat kürzlich eine Stasi-Unterlagenbehörde für die Kirchen gefordert. Stellen Sie sich so eine zentrale und unabhängige Anlaufstelle vor?

Bergmann: Ich schätze solche Vergleiche nicht. Aber ja, die Betroffenen haben auf dem öffentlichen Hearing vehement eine unabhängige, transparente, zentrale und öffentliche Stelle gefordert, an die sich die Betroffenen ohne Vorbehalte wenden könnten. Und die ihnen weiterhilft. Das zeigen unsere Erfahrungen in der Unabhängigen Kommission.

Frage: Warum ist die Akteneinsicht so wichtig?

Bergmann: Betroffene haben berichtet, dass sie zum Beispiel mit Hinweis auf disziplinarrechtliche Vorschriften keine Einsicht in ihre Akten bekommen haben. Das geht nicht! Es ist ihre Geschichte. Die Betroffenen müssen Akteneinsicht bekommen. Und diese ist auch für Aufarbeitungsprozesse notwendig.

Frage: Wie erleben Sie die Kirchenleute? Ist Aufklärung wirklich gewollt?

Bergmann: Na ja, die Betroffenen haben oft andere Erfahrungen gemacht. In den letzten Jahren ist in den Landeskirchen schon einiges passiert. Kontaktstellen wurden eingerichtet, Präventionsprojekte, Fortbildungsprogramme organisiert. Aber immer jede Landeskirche oder auch Gemeinde für sich. Aber das reicht nicht. Es fehlt eben an konsequenter Aufarbeitung. Ein gutes Beispiel ist der Aufarbeitungsprozess der Nordkirche, der auch die Basis für ein folgendes Präventionsgesetz war. Im November wird sich die Synode mit dem Thema sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext befassen, und die Kirchenkonferenz hat eine Reihe wichtiger Maßnahmen vorgeschlagen. Das sind wichtige Schritte, bei denen die Betroffenen einbezogen werden sollten. Es muss um Anerkennung des Unrechts, um Hilfen für Betroffene und um wirksamen Kinderschutz gehen. Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist eben kein Thema der Vergangenheit, die Häufigkeit ist erschreckend. Nach einer Repräsentativbefragung einer Forschergruppe um Professor Jörg Fegert von 2017 gaben mehr als 7,6 Prozent der über 14-Jährigen an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben, und die Zahlen haben sich seit 2010 nicht verändert. Wir sind erst am Anfang.