"Das Ende ist nah – Spex wird eingestellt", so hieß es Anfang der Woche auf der Homepage der legendären Musikzeitschrift, und überraschend daran war für viele, dass die Spex, von der zuletzt nur noch wenige Tausend Exemplare gedruckt wurden, überhaupt noch existierte. Dabei hatte ihre Redaktion, über die Joachim Distelmeyer einst anerkennend kalauerte, es handele sich um die "beste Band" Deutschlands, die Popkritik einst quasi erfunden. Gegründet 1980, brachte sie es zwischenzeitlich, in den Achtzigern und frühen Neunzigern, zumindest unter jenen Hörern zu kultureller Hegemonie, für die Pop stets auch Diskurs und Gegenwartsdiagnostik bedeutete.

Sonderlich viele Musikzeitschriften gibt es nun nicht mehr, die über das Ende der Spex berichten könnten: Im Juli verabschiedete sich die intro vom Markt, vor zwei Wochen verkündete die Groove ihr Aus im klassischen Zeitschriftenmarkt. Und auch internationale Größen wie der britische New Musical Express wurden unlängst durch Anzeigenrückgänge und Leserschwund in den Suizid getrieben.

Man mag die Klagen eigentlich gar nicht mehr lesen über die Unbill, die mit dem Internet über uns hereinbreche (alle kaufen bei Amazon und nicht mehr im kuscheligen Buch- und Plattenladen um die Ecke! Und was ist Musik überhaupt noch wert, wenn sie, statt nach Schellack zu riechen, nur noch aus Einsen und Nullen besteht?). Trotzdem, es stimmt: Durch die Digitalisierung hat sich das Wesen von Öffentlichkeit grundlegend geändert.

Wo es in analogen Zeiten den universalinformierten Musikkritiker brauchte, der die Neuerscheinungen des Monats anempfahl oder hinrichtete, kuratieren mittlerweile vor allem Algorithmen den Musikgeschmack. Das kann man einerseits als Demokratisierung begreifen: Das alte Machtgefälle zwischen allwissendem Kritiker und belehrungsbedürftigem Hörer wird eingeebnet. Anderseits: Wer jetzt mit Musik noch Geld verdienen will, muss auf den Playlists etwa von Spotify landen, und das schafft eben nur, wessen Lieder beim Hörer die 30-Sekunden-Schwelle überstehen. Der Hörer, so kann man vermuten und mit Blick auf die Statistiken nachvollziehen, wird seine Zeit wohl kaum mit Songs verbringen, die ihn nicht unmittelbar mit eingängigen Melodieversatzstücken abholen, wenn er dank der Streamingportale in Sekundenschnelle auch auf Milliarden andere Songs zugreifen kann, die eher dem eigenen Geschmack entsprechen. Das Ergebnis: Erfolgreich ist, wer recycelt, kopiert, wiederkäut.

Alles klinge mittlerweile gleich, klagen Popkulturpessimisten, und das, obwohl derzeit so ein breites, ausdifferenziertes Musikangebot existiert wie noch nie: eine Art homogenisierter Pluralismus. Bei der Spex hätte man das wohl Dialektik genannt, früher zumindest, bevor sie im Jahr 2000 aufgekauft wurde von einem Verlag, in dem auch das Burger-King-Magazin erscheint und der die Zeitschrift so umbaute, dass die Redakteure in erster Linie als "Medienpartner" zahlungskräftiger Anzeigenkunden fungierten und nicht mehr als Journalisten.

Musik wird jedenfalls auch in Zukunft weiterhin gehört werden. Angesichts der langweiligen Popgegenwart ist das, mag man zynisch witzeln, eher keine gute Nachricht. Und doch: War es nicht genau jene Fortschrittsskepsis, der die Spex mit ihrer Gründung vor 38 Jahren den Krieg erklärte?