Jede fünfte Minute versucht jemand in Deutschland, sich das Leben zu nehmen. Alle 53 Minuten stirbt ein Mensch durch Suizid. Unter den 10.000 Bundesbürgern, die sich selbst töten, sind jährlich 600 Jugendliche unter 25 Jahren. Nach den Verkehrsunfällen ist das die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe. Da herkömmliche Beratungsangebote gefährdete Jugendliche nicht erreichen, hat der katholische Deutsche Caritasverband die Online-Suizidprävention U25 geschaffen, eine E-Mail-Beratung, anonym und kostenlos.

Das Besondere daran ist, dass die Helfer der gleichen Peergroup entstammen, also Menschen im selben Alter mit gemeinsamen Interessen sind. Für die Betroffenen, die nicht mehr weiterwissen, sei es wichtig, dass man ihnen auf Augenhöhe begegne, sagt Rolf Göpel, Vorstandsmitglied der Berliner Caritas. "Peers" nennen sich die 200 ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater an zehn Standorten in Deutschland. Sie werden in einer viermonatigen Schulung auf diese Aufgabe vorbereitet und beraten pro Jahr etwa 1200 suizidgefährdete Jugendliche. Unter den Anrufern sind 80 Prozent Frauen, eine Beratung kann bis zu zwölf Monate, manchmal sogar über Jahre dauern. Verweisen die Helfer auf Angebote vor Ort, müssen sie immer beachten, dass sich die Ratsuchenden nicht abgeschoben fühlen.

Die Projektleiterin in Berlin, Anna Gleiniger, kennt die ganz unterschiedlichen Gründe, die die Hilfesuchenden bewegen: "Dazu gehört neben psychischen Erkrankungen, Suchtproblemen, Schul- und Beziehungsschwierigkeiten auch sexueller Missbrauch." Und sie fügt hinzu: "Bei der Beratung ist vor allem wichtig, das Thema Suizid direkt anzusprechen, wenn das Gefühl entsteht, das Thema treibe jemanden um. Das verschafft den Betroffenen eine erste Entlastung." Aber das soziale Netz, da sind sich die Betreiber des Hilfsprojekts ganz sicher, kann nicht nur von diesem Angebot alleine gespannt werden. Aus diesem Grund startet U25 einen Aktionstag im Rahmen der "Woche der seelischen Gesundheit", die vom 10. bis 20. Oktober stattfindet.

So machte die Caritas am 13. Oktober mit einem eigens gestalteten S-Bahn-Zug in Berlin unter dem Motto "Ein Gespräch kann Leben retten" auf die Selbsttötungen Jugendlicher aufmerksam. Mit einer sechsstündigen Fahrt auf dem Berliner S-Bahn-Ring wurden von 50 ehrenamtlichen Helfern aus ganz Deutschland Fragen der zusteigenden Fahrgäste beantwortet und Infomaterial verteilt. Im Innenraum waren anonymisierte Beratungsmails angebracht, die die Arbeit der Online-Suizidprävention erklären.

Dass dieses Projekt vonstattengehen konnte, dazu bedurfte es der Zusammenarbeit mit den Berliner Verkehrsbetrieben und dem Berliner Netzwerk für Suizidprävention. Es sei die bewusste "Niederschwelligkeit" dieser Aktion, die die Hürden abbauen solle, sich mit diesem Tabuthema zu beschäftigen, sagt Rolf Göbel. Es solle die Menschen im Umfeld eines gefährdeten Jugendlichen für dessen Nöte sensibilisieren.

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.