Auch wenn der Oktober den Sommer noch nicht loslassen will: Das Jahr packt so langsam zusammen. Hier in Sachsen enden bereits die Herbstferien. Viele waren noch mal weg – Mallorca, Griechenland, Türkei. Reisefreiheit ist ein Glück. Nicht allen natürlich ist eine Fernreise vergönnt. Nach jeden Ferien zum Beispiel lasse ich mir über die vergangenen freien Tage meiner Schüler erzählen. Manche machen Urlaub in der Umgebung, oft auch bei den Großeltern. Nicht wenige sind tatsächlich in ihrem Leben noch nie geflogen. Sie scheinen nicht sonderlich darunter zu leiden, doch es scheint so, als machten mich deren (Nicht-)Möglichkeiten im Leben am traurigsten. Dabei ist ein Lebensstil mit multiplem Flugreise-Potenzial keineswegs Garant für übergroße Lebenszufriedenheit, das durfte ich in diesen Herbstferien einmal mehr erfahren.

Auch wir waren natürlich ein bisschen unterwegs. Die Schweiz war unser Ziel. Wir fuhren gleich zu Beginn der Ferien los. Mit der Bahn. Im angenehmen akustischen Schlummermodus pflügte unser ICE durch den deutschen Vormittag. Es war warm, nur wenige Reisende schauten konzentriert in ihr mobiles Endgerät wie in eine Glaskugel. Draußen verhüllte der morgendliche Nebel so vorbildlich den mitteldeutschen Boden, als habe er einen Fotokalender für Herbstmonate gegoogelt.

An einem Zwischenhalt öffnen sich die ICE-Türen wie ein Theatervorhang:

Eine junge Frau ganz in Schwarz, mit Kopftuch, steigt zu. Vier Kinder hat sie dabei. Das älteste von ihnen, ein etwa Zehnjähriger, trägt ein dick in eine flauschige Decke gemummeltes schlafendes Baby. Er küsst es wieder und wieder. Der Zugbegleiter kommt und weist auf das vollständig leere Kleinkindabteil hin, das sei "vielleicht entspannter mit dem Kleenen". Die fünf ziehen um, die Kinder reden leise mit der Mutter, ein Fahrgast trägt ihnen den etwas sperrigen Koffer vorneweg wie ein Tambourmajor. Die Szene wirkte, als habe jemand das Gegenteil von Hysterie inszenieren wollen. Ist es nicht auffällig, denke ich, wie solcherlei Szenen unseren Alltag dominieren? Und wie gut vieles in unserem Leben doch auch ist, wenn wir ehrlich sind?

Beim Halt in Erfurt wird es etwas voller im Großraumwagen. Der Vierersitz neben mir jenseits des Ganges wird nun von einem Ehepaar, beide Ende fünfzig vielleicht, besetzt. Sie haben größeres Gepäck mit sauber beschrifteten Kofferanhängern dabei, vermutlich sind sie Richtung Frankfurter Flughafen unterwegs. Freundlich gewähren sie dem bereits am Vierertisch sitzenden jungen Mann weiterhin seine Beinfreiheit, die dieser aufzugeben gewillt ist: "Nein, nein, alles gut, das geht schon."

Die Frau beginnt umgehend mit der Bearbeitung diverser Sudokus, der Mann schaut aus dem Fenster. Er sieht – wie ich – die tausend Farben der Bäume, die sich dicht auf den sanften Hügeln dieses "unseres" Thüringens drängen. Er fühlt offenbar das Gleiche. Laut sagt er zu seiner Frau: "Das ist ja wundervoll da draußen. Fast idyllisch!" Die Frau ist vertieft in ihre Zahlenreihen. Irgendwann schlägt der Mann eine Zeitung auf. Nach nur wenigen Augenblicken liest er laut vor: "185 Genderprofessuren in Deutschland! Wir schaffen uns noch selber ab!" Die Frau nickt, ohne aufzusehen. "Die wollen uns doch alle verdummen."

Es geht weiter. Ich kann nicht anders als zuhören. Ich sitze genau daneben.

Der Mann hat nun einen Artikel gefunden, in dem es um ein Handgemenge mit Migrantenbeteiligung zu gehen scheint. Er stößt sich besonders an einem Satz, in dem es heißt: "In den Sommermonaten nehmen solche Vorkommnisse zu." Der Mann fasst das so auf, als wolle der Schreiber dem Leser glauben machen, dass die Jahreszeit die Schuldige an solchen Ausschreitungen sei. "Der Sommer ist schuld! Wie kann man so was schreiben? Wir wissen doch alle, wer schuld ist! Die haben doch eine Verantwortung, diese Journalisten!"

Daraufhin sagt die Frau, erneut ohne die Bearbeitung ihres Rätsels einzustellen, den Satz, der den Zauber des nebligen Herbstmorgens zerreißt:

"Die müssten sie alle an die Wand stellen."

Ganz gleich, wie sehr Gesagtes und Getanes im Leben bekanntlich oft auseinanderklaffen, diese Worte knallten ganz schön rein. Lassen einen ratlos zurück:

Was bewegt Menschen, so etwas zu sagen? Menschen, die gerade so etwas Erfreuliches tun, wie eine Urlaubsreise anzutreten, die sich höflich dem Mitmenschen gegenüber zu äußern und die überbordende Schönheit der Natur zu erkennen vermochten? Ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich über mich selbst. Ich hätte schneller sein müssen, mich schneller einmischen müssen. Meine Furcht überwinden müssen, aufdringlich oder unhöflich zu erscheinen, weil ich ein fremdes Gespräch belauscht hatte. Und zwar genau an jenem Punkt, als der Mann über die Natur zu schwärmen begann. Wir hätten dann gemeinsam ein bisschen geschwärmt. Und vielleicht sogar später ein wenig gedankliches Pingpong über journalistische Verantwortung gespielt. Wer weiß? Und irgendwann hätte ich in diesem Gespräch den Satz fallen lassen, den ich irgendwann einmal von einem Hundertjährigen aufgeschnappt habe: "Übt euch in Milde. Was hart ist, bricht."

Doch. Bei der nächsten Gelegenheit mache ich das so. Weder will ich jemanden belehren noch "verdummen". Nur verstummen – das dürfen wir nie.