Man muss mit Hans Magnus Enzensberger beginnen, der gar keine Rolle spielt in dieser Ausstellung. Der aber das Gefühl, mit dem man sie verlässt, sehr gut benennen kann. "1968 ist eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat", schrieb er in seinem Tagebuch. "Es schien uns, als stünde etwas bevor, etwas von uns zu Erfindendes." Aber was? Tja. Man hätte es dem Museum für Kunst und Gewerbe gewünscht, mit seiner sehr berechtigten, weil jubiläumsbedingten Ausstellung 68 diese diffuse Leere besser zu füllen.

Pop und Protest, der Untertitel, klingt erst mal gut. Und gut klingt auch Bob Dylans hingenuschelte Hymne The Times They Are A-Changin’, die zornige Mundharmonika, die die Besucher auf den ersten Schritten umfängt. Doch, man ist drin, lässt sich hineinfallen, will endlich verstehen. Man sieht Napalmfeuer auf der Leinwand, mit ruhiger Kriegskameramannhand gefilmt, dazu diese Fotos: toter Ohnesorg, getroffener Dutschke, Dürre in der Sahelzone. Saigons Polizeichef schießt Nguyen Van Lem in die Schläfe. Schwarze Siegerfäuste im olympischen Nachthimmel. Bobby Kennedy, shot. Hier spürt man etwas, hier hat einen die Ausstellung gepackt. Und danach lässt sie einen leider wieder los.

Sie scheitert, je weiter man ins Dunkel schreitet, an diesem verdammten Problem, das auch keine andere Nachbetrachtung zu jenem Jahr bisher aufzulösen wusste. 1968, das war, den Eindruck wird man nie los, vor allem anderen ein Gefühl. Der Ungerechtigkeit, des Aufbegehrens, der Freiheit, des "uns reicht es". Ein Funke, irgendwo zwischen Herz und Hirn entzündet. Aber wie kuratiert man ein Gefühl?

Die Schau zeigt strebsam alle Disziplinen und Kampfplätze her: Musik, Politik und Mode, Film und Design, USA und Europa, deutsche Universitäten genauso wie die Black Panther. Darüber geht das Gefühl verloren. Der Besucher sieht Antikriegsplakate. Er sieht den Neuen Deutschen Film von Kluge und Fassbinder, den 16-Millimeter-Streifen Farbtest von Gerd Conradt. Sieht Miniröcke, Posterkleider und Yves Saint Laurents Hosenanzüge. Sieht die Floris-Stühle von Günter Beltzig und die Mao-Bibel in Miniatur. Was er nicht sieht, nein, fühlt: Wohin das alles geführt hat oder führen sollte. Man bekommt vorgeführt, in welche Produkte das Jahr mündete, aber die Energie, die dafür nötig war, bleibt seltsam verborgen. Was nicht heißen soll, dass tolle Erkenntnismomente komplett ausbleiben, nein! Nur finden sie vor weniger ikonischen Exponaten statt. Die gesammelten Studentenflugblätter der Uni Hamburg etwa sind in ihrem Sound spannender als die weithin bekannte Protestaktion "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren"; die Straßenprotestbilder von Günter Zint eindrücklicher als die zigste Doku über den Schah-Besuch. Man überlegt, was wohl möglich gewesen wäre, hätte sich die Schau auf solche Momente kapriziert.

200 Objekte, das ist in der Masse zwar beeindruckend. Aber es geht nicht um Vollständigkeit. Scheitern muss deshalb, wer einem Jahr des Chaos mit der Akribie des Archivars, mit musealer Aufgeräumtheit begegnet. 1968 war nicht aufgeräumt und oft nicht mal schön. Am Ende geht man nicht enttäuscht, aber dumpf unzufrieden aus dem Museum. Ein Gefühl, das viele derer, die damals dabei waren, wohl sehr gut kennen.

Museum für Kunst und Gewerbe. Bis 17. März 2019