Als ich in den Achtzigern mein Abitur im Sauerland machte, gab es keinen Abi-Ball. Nur ein Glas Sekt, das Zeugnis und dann drei Monate lang Partys. In Schützenhallen, auf den diversen Bauernhöfen der Mitschüler, in Waldhütten. Wir trugen Klamotten, die Bierreste aushielten und Freiluft-Übernachtungen auf umfunktionierten Kuhweiden. Keine von uns Mädels hätte jemals ein langes Kleid angezogen, es sei denn, sie wurde Jungschützenkönigin. Das Abitur meines Sohnes war anders. Denn selbst wenn man nach acht Jahren Gymnasium die Sau rauslassen will, muss das heute durchgeplant und durchgestylt geschehen. So ein Abi-Ball in einem Fünfsternehotel kann schon mal 25.000 Euro kosten, da sind die 65 Euro Eintrittsgeld fast geschenkt angesichts eines mehrgängigen Menüs und Alkohol umsonst bis um 22 Uhr.

Schicker Ort, schicke Klamotten, schicke Eltern: Ein Abi-Ball heutzutage fühlt sich so an, als sei man auf einer Geburtstagsfeier von Elton John gelandet. Es blinkt und glitzert, und das sind nicht nur die Kleider der Abiturientinnen, sondern auch die der Mütter, die verzweifelt die Balance suchen: Ich will aussehen wie eine in Swarovski-Steinchen getauchte Heidi Klum und trotzdem meine Tochter nicht in den Schatten stellen. Die andere Variante ist das schon zigmal getragene unauffällige schwarze Leinenkleid, das aber durchaus auch Kommentare bei den Mitschülerinnen des Sohnes provozieren kann wie: Die Mutter von Max ist aber auch eher der Mauerblümchentyp, hätte ich gar nicht gedacht. Man kann als Eltern viel falsch machen auf so einem Abi-Ball und das nicht nur in der Kleidungsfrage.

1. Die Sitzordnung: Wer darf mit und wie viele? Oma will, aber was ist, wenn sie sich langweilt und schon um zehn nach Hause begleitet werden möchte? Die neue Frau von Papa und der neue Freund von Mama? Die Stiefgeschwister? Und sollen alle an einem Tisch sitzen? Eine Freundin brachte ihre beste Freundin mit, die sie als Puffer zwischen sich und ihren Ex setzte. Geschiedene Eltern verändern in den Wochen vor einem Abi-Ball so oft ihre Sitzordnungswünsche, dass die Abiturienten aus dem Organisationskomitee danach sicher sind, dass sie nie heiraten werden. Und dann gibt es Kinder, die möchten unbedingt mit ihren Freunden zusammensitzen, deren Eltern man aus guten Gründen schon bei Elternsprechtagen gemieden hat.

2. Das Tanzen: Niemals sollte man seinen Sohn zum Abi-Walzer mit der Mutter zwingen, der pünktlich um 22 Uhr beginnt. Er wird ohnehin rechtzeitig nach draußen verschwinden und mit Freunden ein paar Shots stürzen, bis der Walzer vorbei ist. Sollte man ihn trotzdem zufällig zu fassen bekommen, bitte keine Sätze wie "18 Jahre habe ich dich umsorgt und um nichts gebeten, aber diesen einen Tanz bitte". Würdeloser geht es nicht. Mütter, die nach mehreren Sekt ihre Achtzigerjahre-Moves wiederentdecken und viel Raum auf der Tanzfläche für sich beanspruchen, sind ebenfalls ein No-Go. Seien Sie sicher, Ihre Kinder schämen sich gerade auf der Toilette.

3. Die Ratschläge: Nicht als Beziehungsratgeber auftreten. Abi-Bälle tragen Sprengkraft in sich, es gibt an diesem Abend junge Paare, die sich trennen, man wird auch nichts daran ändern, wenn man sich einmischt und die Beziehung mit dem Satz "Also wir mochten sie, wer weiß, ob du jemals wieder so eine Nette findest" zu retten versucht.

Man sollte es dem Kind auch ersparen, bei jedem vorbeigehenden Schüler nach Namen, Eltern und den zukünftigen Plänen zu fragen, ach, der studiert Jura, na ja, vielleicht weißt du demnächst auch mal endlich, was du eigentlich machen willst.

4. Der würdevolle Abgang: Es gibt Kinder, die behaupten, dass alle Eltern um zehn Uhr verschwinden müssen, und es gibt Eltern, deren Kinder das nie erwähnt haben. In diesem Minenfeld aus "ab wann bin ich unerwünscht" und "die anderen sind ja auch noch da, da bleibe ich doch noch ein wenig" bewegt man sich zwischen 22 und 24 Uhr; dann aber sollte man endgültig verschwinden. Auch jene Eltern, die auf dem Abi-Ball ihre eigenen jugendlichen Gefühle füreinander wiederentdecken und auf dem Gang vor den Toiletten knutschen. Zum Abschied schließlich bitte nicht noch einmal sentimental über die gegelten Haare des Sohnes im Beisein der Freunde streicheln.

Das ist ähnlich grausam wie der laute Ruf einer Mutter vor der Klassenfahrt des damals 13-Jährigen in den abfahrtsbereiten Bus: "Tom, deinen Kuschelhasen habe ich übrigens zwischen deine Unterhosen gepackt."