Es ist Anfang März, als Andrea Krug das Gefühl beschleicht, das Abitur ihres Sohnes in die Hand nehmen zu müssen. Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Prüfungen, und es scheint, als würde ihr Fabian die Sache etwas zu locker angehen. Der Siebzehnjährige spielt lieber Fußball, als Mathe zu lernen oder Dramen zu analysieren. Er besucht das staatliche Gymnasium in Penzberg, Bayern, einer Kleinstadt zehn Kilometer südlich des Starnberger Sees. Seine Noten pendeln zwischen Zwei und Drei. Etwas Luft nach oben wäre schon noch, findet die Mutter. Sie klickt sich durchs Netz auf der Suche nach Nachhilfeangeboten und stellt fest: Auch sie ist spät dran. Andere Eltern sind längst ins Wettrennen ums Abitur ihrer Kinder gestartet. Die Mathekurse sind oft seit Weihnachten voll, viele buchen die Intensivkurse ein Jahr im Voraus.

Schließlich findet sie doch etwas: eine Woche Lerncamp am Ammersee, in den Osterferien. Von morgens halb neun bis abends 21 Uhr soll Fabian Mathe, Deutsch und Bio lernen. "Dein Ticket zum Erfolg", verspricht der Anbieter Dein Abitur. Fabians Eltern erhoffen sich einen Motivationsschub.

Das Abitur ist Wegbereiter für Studium und Beruf, entscheidet über Lebenschancen. Da gilt es, das Beste herauszuholen. Das sehen viele Schüler so, viel mehr aber noch ihre Eltern. Sich abzuheben ist nicht leicht, denn heute verlassen über 50 Prozent aller Schüler die Schule mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife. Im Jahr 1992 waren es noch 31 Prozent. Die Reifeprüfung allein ist schon lange keine Auszeichnung mehr, sondern fast Selbstverständlichkeit.

Und nicht nur immer mehr Schüler machen Abitur – die Noten werden auch immer besser. In Thüringen schreiben fast 40 Prozent ein Einser-Abi, in Berlin hat sich die Zahl der Abiturienten mit 1,0 in den vergangen zehn Jahren versechsfacht, in Bayern schafften in diesem Jahr 14 Prozent ein Abitur von 1,5 oder besser.

Die Frage ist nicht mehr: "Hast du Abi?", sondern: "Welchen Schnitt hast du?"

All das erhöht den Druck. Weil immer mehr studieren, sind viele Eltern überzeugt, dass nur ein sehr guter Abschluss die Chancen auf Erfolg birgt. Vor allem unter Mittelschichtseltern, das zeigen Umfragen, ist die Angst vorm sozialen Abstieg der Kinder ein verbreitetes Phänomen.

Der Irrsinn um das Abitur ist Ausdruck dieser Angst. Sie mag nicht rational sein, doch sie blüht in einer Gesellschaft, die sich den Herausforderungen einer globalen Welt gegenübersieht. Finanzkrise, Migration. Für den Einzelnen nicht zu beherrschen, meist nicht einmal zu verstehen. Wenn aber jede Sicherheit zwischen den Fingern zerrinnt, bleibt nur, was man nicht greifen kann. Bildung. Was du im Kopf hast, kann dir keiner nehmen. In der Leistungsgesellschaft manifestiert sie sich in Zeugnissen, Diplomen, Abschlüssen. Und die kosten.