Ein Sommertag im Jahr 2015, irgendwo im Spreewald. Stefanies Abiturprüfungen sind vorbei, verführerisch lauert die große Freiheit. Kein Aufstehen mehr um 4.30 Uhr, um mit dem Schulbus aus dem Dorf in die Kleinstadt zu schaukeln. Stattdessen mit dem Freund in die Stadt ziehen, ein Studium beginnen, Partys in Clubs. Und vor allem: keine Schule mehr. Stefanie ist felsenfest davon überzeugt, dass sie die Abiturprüfungen bestanden hat. Doch noch an jenem Sommertag ruft die Klassenlehrerin an und sagt: "Es hat leider nicht gereicht."

Stefanie ist durchgefallen. Die Tränen schießen ihr in die Augen. Die Nachricht wirft sie aus der Bahn. Ihr Vater ist schockiert, als er vom Scheitern seiner Tochter erfährt. Er hatte große Hoffnungen in sie gesteckt, sie hätte die Aufsteigerin der Familie werden sollen. "Das tut mir leid", sagt er und fragt sich, ob er sie mit seinem Wunsch nicht zu sehr unter Druck gesetzt hatte.

Im Schnitt erfüllt knapp jeder zwanzigste Abiturprüfling in Deutschland nicht die Mindestanforderungen für die allgemeine Hochschulreife. Die Zahlen schwanken leicht von Jahr zu Jahr, mal sind es in dem einem Bundesland mehr, mal in dem anderen. 2017 betrug die Durchfallquote in Nordrhein-Westfalen 4,2 Prozent, in Berlin 4,7 Prozent, in Baden-Württemberg nur 2,1 Prozent.

Wer durchfällt, steht vor großen Fragen: Warum bin ich gescheitert? Soll ich mein Abitur wiederholen – oder einen ganz anderen Weg einschlagen?

Kathrin Wiencek ist Vorsitzende des Philologenverbands Berlin-Brandenburg, sie kennt die Geschichten gescheiterter Abiturienten. Seit über 20 Jahren unterrichtet sie an brandenburgischen Gymnasien. Ein Teil der Prüflinge unterschätze die Anforderungen und bereite sich zu wenig auf das Abitur vor, sagt Wiencek. Manche vertrauen einfach auf ihr Glück und lernen auf Lücke. Andere Schüler sind keine Prüfungsmenschen, leiden an Prüfungsangst, "und manche stoßen schlicht und einfach an intellektuelle Grenzen". Eine Rolle spielten aber auch die sozialen und familiären Umstände, Trauerfälle oder Scheidungen oder mangelnde Unterstützung beim Lernen.

An ihrem Misserfolg sei vor allem das Thema "Ökosystem See" schuld gewesen, erzählt Stefanie. Ist zu wenig Sauerstoff im See, kippt er um. Heute weiß sie das. Vor drei Jahren war sie nicht vorbereitet auf diese Frage. Es waren die Punkte, die sie gebraucht hätte, um zu bestehen.

Zu Wissenslücken beim Schulstoff kamen noch private Probleme, die sie zum Straucheln brachten, erzählt Stefanie. In der stressigen Oberstufenzeit erkrankte ihre Mutter an Multipler Sklerose und war auf ständige Pflege und Hilfe angewiesen. Ruhe zum Lernen blieb wenig. Später trennten sich auch noch ihre Eltern. "Das alles ging nicht spurlos an mir vorbei."

Nachdem Stefanie durchs Abitur gerasselt ist, dreht sie ein YouTube-Video: "Abi nicht bestanden! – Was nun?" In dem Clip sieht man sie in ihrem Kinderzimmer sitzen, Dreadlocks rahmen ihr Gesicht ein, hinter ihr hängt ein Eminem-Poster. Nervös lächelnd reflektiert Stefanie ihr Scheitern. Danach berichtet sie von ihren Plänen. Sie will auf das Abitur verzichten, anstatt es zu wiederholen, und eine Ausbildung beginnen.

Über 66.000 Mal wurde das Video geklickt – und Hunderte Male kommentiert. Die meisten bewundern Stefanies Offenheit. Andere kritisieren und beschimpfen sie: "Du wirst es bereuen!", ist unter dem Video zu lesen, oder: "Schämst du dich eigentlich nicht?" Deshalb will Stefanie ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen, genauso wenig den Namen ihrer Schule oder ihres Wohnorts. Die Kommentare auf YouTube kränken sie bis heute. "Man ist doch nicht dumm, nur weil man das Abitur nicht bestanden hat!"