© Carolin Löbbert für DIE ZEIT

Ich denke über zweierlei nach: Bewegung und Begrenzung. Wer oder was kann sich in der heutigen Welt bewegen? Mich beschäftigt, wie Menschen mobil sind und an welche Grenzen sie mit ihrer Mobilität stoßen. Das ist im Wortsinn und im übertragenen Sinne gemeint: Menschen reisen, sie ziehen vorbei, ziehen um, wandern aus, sie fliehen, sie kommen und gehen – und sie vergehen. Sie sind vergänglich. Jede und jeder auf der Erde. Alle gehen mit Grenzen um, auch mit den ökologischen Grenzen eines endlichen Planeten, und alle gehen mit der eigenen Endlichkeit um. Ich sehe uns Menschen als Passanten, wir leben in Passagen. Wir sind unterwegs als Gäste auf Erden. Aus diesen Gedanken möchte ich eine "Ethik des Passanten" entwickeln. Ich habe dabei auch ein politisches Ziel vor Augen: eine Welt, in der nicht nur wenige, sondern wir alle uns frei bewegen können und die fortbesteht. Am Ende meines letzten Buchs habe ich diese neue Ethik angekündigt, nun arbeite ich an ihr.

Grenzen und die Mobilität der Menschen sind ein Thema der philosophischen Tradition Europas. Kant meinte in seiner Philosophie der Gastlichkeit, dass die Erde allen Menschen gleichermaßen gehört und dass jeder, einfach aufgrund der Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung, mit gleichem universellem Recht gehen kann, wohin er oder sie will. Eine Erde mit ungleicher Bewegungsfreiheit ihrer Bürger ist seit Kant meines Erachtens nicht denkbar. Auf diesen Ideen beruht nicht nur eine gute Einwanderungspolitik, sondern auch der Schutz, den wir Flüchtlingen gewähren.

Im politischen Sinne bringt das die Frage mit sich, wer in der heutigen Welt das Recht hat, sich frei über Grenzen zu bewegen, während andere an ihrem Ort bleiben müssen. Wie kommt es, dass manche Bewohner der Erde meinen, sie könnten andere zurückweisen? Bleiben zu müssen bringt für viele ein tödliches Risiko mit sich. In Afrika bedeuten Grenzen in besonderer Weise auch Endlichkeit: Wie kann es sein, dass wir Afrika zu einem Gefängnis machen, aus dem man nur unter Lebensgefahr ausbrechen kann und in dem auch die inneren Grenzen zwischen den Staaten hochgezogen werden, während Europäer und andere Menschen aus den mächtigen Staaten weltweite Reisefreiheit haben?

Im ökologischen Sinne fasse ich die Vergänglichkeit , das Vorübergehende als universelle Eigenschaft alles Lebendigen im weitesten Sinne auf: Alles Lebendige ist verletzlich und sterblich. Die Spezies Mensch zerstört die Lebenschancen ihrer nicht menschlichen Mitbewohner. Das Lebendige stößt durch uns Menschen an Grenzen. Aber die ökologischen Risiken zeigen uns noch auf eine weitere Weise, was Grenzen sind: Sie überschreiten die Grenzen des Nationalstaats, sie wandern überall ein. Und sie verlangen deshalb nach unserem Handeln als Menschheit: Eine universelle Politik des Reparierens und der Pflege wäre die Antwort auf die Zerstörung des Lebendigen.

Ich möchte mit meiner "Ethik des Passanten" das Denken in Gegensätzen durch ein Denken in Beziehungen ersetzen. Wir sollten nach den Fähigkeiten suchen, die das Existierende in etwas Neues, Unbekanntes verwandeln können. In der afrikanischen Kosmologie hat die Idee der Beziehung große Bedeutung: Im vollen Sinne ein Mensch wird man erst, wenn die Beziehung zum Anderen einen verwandelt. In der europäischen Tradition ist es Aristoteles, der den Menschen als soziales Wesen versteht, das durch Sprache, Verständigung und Begegnung, durch gemeinsames Handeln menschlich ist. In diesem Sinne vertragen sich die afrikanische Kosmologie und das aristotelische Denken gut.

Aus diesen Bausteinen – philosophisch, politisch, ökologisch, kosmologisch – soll in den kommenden Jahren ein Buch werden. Vielleicht sollte ich besser sagen: eine Komposition aus Gedanken, die ich zueinander in Beziehung setzen will.