Die Fachzeitschrift Aids widmete diesem Effekt im Juli eine ganze Sonderausgabe. Paul Farmer, Harvard-Professor für Globale Gesundheit, hat das gleiche Phänomen bereits 2012 am Beispiel von Zentral-Haiti beschrieben. Auch dort habe der Aufbau von Behandlungsprogrammen für Aids, Tuberkulose und Malaria zugleich "den Behandlungsstandard für chronische Krankheiten wie psychische Leiden, Herzversagen und verschiedene Formen von Krebs erhöht", resümierte Farmer in der New York Times. Sein Wort hat Gewicht: Farmer ist Mitgründer der Hilfsorganisation Partners in Health, deren Arbeit zur Stärkung der Basisgesundheitsversorgung als revolutionär gilt.

Auch in Eldoret kann man beobachten, dass dank Ampath heute mehr als 30.000 Menschen Zugang zu einer Versorgung ihrer chronischen Krankheiten haben, viele davon zum ersten Mal in ihrem Leben. Neben der HIV-Klinik ist eine riesige Klinik zur Behandlung von Krebs, Diabetes und Nierenleiden entstanden, die von der Chemotherapie bis zur Dialyse vieles von dem anbietet, was man an deutschen Kliniken findet. Auch ein riesiges Kinderkrankenhaus wurde errichtet, das erste in Westkenia, in dem Kindern mit Krebs wirklich geholfen werden kann.

Die Moi-Uni-Klinik und Ampath haben es sogar geschafft, in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100 Millionen Euro Forschungsgelder anzuwerben – eine beachtliche Summe für einen Standort in Subsahara-Afrika. Die Gelder und die Qualität der Versorgung kommen nicht nur den Patienten zugute. Sie sind auch ein dringend nötiges Instrument, um junge Ärzte dazu zu bewegen, zu Hause zu praktizieren, anstatt eine gut bezahlte Stelle im Ausland anzunehmen. Denn der Exodus der Gesundheitsfachkräfte ist in weiten Teilen Afrikas ein enormes Problem.

Auch auf dem Land zeigt sich die Stärkung des Gesundheitssystems. Wir fahren zu einem Gesundheitsposten, eineinhalb Autostunden von Eldoret entfernt. Der Zweckbau mit den vergitterten Fenstern ist selbst am späten Freitagnachmittag noch besetzt. Die Ärztin macht Notizen in einem schweren Buch, vor ihr sitzt eine junge Frau mit einem hustenden Jungen mit tränenden Augen auf dem Schoß. Auf dem Tisch liegen ein Stethoskop und Desinfektionsmittel, an den beigegelben Wänden hängen Poster über die HIV- und Malaria-Therapie.

Die Krankenschwester im Nebenzimmer wird mit US-Geldern des Aids-Programms bezahlt. Sie zeigt die Apotheke, in der sich wichtige Medikamente stapeln, in der Ecke stehen Moskitonetze und ein Pappkarton mit Kondomen.

Was man hier sieht, ist gelungene Basisgesundheitsversorgung – also genau das, was die Weltgemeinschaft in Alma-Ata vor 40 Jahren forderte. Bis heute gilt die Alma-Ata-Erklärung als revolutionär. Ihre Geschichte zeigte aber auch, was die Hindernisse auf dem Weg zu einer besseren Gesundheitsversorgung sind. So fehlte seinerzeit in der Erklärung ein konkreter Vorschlag, wie genau die medizinische Grundversorgung umzusetzen sei. Deshalb verpuffte die gute Absicht binnen weniger Jahre.

Das wohl größte Problem aber ist – damals wie heute – die Finanzierung. Nicht nur bei Ampath stellt sich immer wieder von Neuem die Frage, wo das Geld für die eigene Arbeit herkommen soll. So richten die USA und Großbritannien, traditionell besonders spendable Geberländer, ihren Blick zunehmend nach innen. Und die Regierungen vieler ärmerer oder aufstrebender Länder investieren noch immer zu wenig Geld in ihre Gesundheitssysteme.

Kenia hat sich verpflichtet, 15 Prozent der Regierungsausgaben für Gesundheit bereitzustellen – wovon das Land weit entfernt ist. Dabei ist ein gutes, selbst finanziertes Gesundheitssystem auch einer der wichtigsten ökonomischen Erfolgsfaktoren für Arbeitsplätze und Wohlstand.

Der Autor ist Gewinner des Medienpreises der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung 2017. Der Preis wurde als Recherchestipendium vergeben, mit dem die Kosten der Reise nach Kenia gedeckt wurden. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung hatte jedoch keinerlei Einfluss auf die Gestaltung der Reise oder den Inhalt dieses Artikels.

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