Andris Nelsons verbeugt sich nicht gern. Das ganze Jubelprozedere am Ende eines Konzerts scheint ihm unangenehm zu sein. Bevor er sich zum Publikum umdreht, applaudiert er lange seinem Orchester. Dann verschwindet er schnell von der Bühne. Der Dirigent ist kein Herrscher, der Dirigent ist ein Diener, sagt Nelsons. Er dient dem Komponisten – und der Komponist ist ein Diktator. Er will hundert Prozent von dir, bei jeder Note.

Das Dirigieren ist eine sonderbare und geheimnisvolle Profession. Nicht mal Andris Nelsons, der neue Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, kann genau sagen, woraus sie eigentlich besteht: "Als Polizist muss man Autorität haben, Kondition und Mut. Für einen Dirigenten könnte man solche Eigenschaften auch aufschreiben – aber sie garantieren gar nichts. Musik ist, wie Wagner gesagt hat, die höchste Kunstform. Sie lässt den Verstand weit hinter sich und führt auf ein Gebiet, das man nicht beschreiben oder erklären kann." Nelsons sagt diese Dinge aus einer Parfümwolke heraus, für die er gewandhausbekannt ist. Auf dem Glastisch in seinem Dirigentenzimmer stehen eine Flasche Wasser, eine Flasche "Hugo Boss" und zwei Trompeten. Oftmals hört oder riecht man ihn im Gewandhaus also, bevor man ihn sieht. Worte formt Nelsons mit den Händen wie eine Melodie. Seine Statements unterliegen auch einer gewissen Pausendramaturgie. An wichtigen Stellen wird es still, die Hände bleiben in der Luft stehen, die Spannung steigt, dann geht es mit einer Schlussfolgerung weiter. Idealerweise. Doch selbst einen totalen Gedankenabriss kann er so gut überspielen. An den Wänden hängen die Vorgänger des Letten im Amt des Gewandhauskapellmeisters: Kurt Masur, Bruno Walter, Arthur Nikisch, Riccardo Chailly, Wilhelm Furtwängler. Was haben sie gemeinsam, warum waren sie so erfolgreich? "Sie waren gute Psychologen", sagt Nelsons.

Es ist seine erste vollständige Saison an der offiziellen Spitze des Leipziger Orchesters. Die Stelle des Gewandhauskapellmeisters ist eine der wichtigsten in der Musikwelt. In Leipzig wirkten Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn und Gustav Mahler. Richard Wagner ist hier geboren. Das Leipziger Gewandhaus ist der einzige Konzerthaus-Neubau der DDR. In seinem Bürotrakt sieht das Haus aus wie eine sozialistische Behörde, aber nicht wie eine höhere. Die spätsommerliche Hitze hängt in den Gängen, nicht aber in Nelsons Amtszimmer, das ist klimatisiert. Aus verschiedenen Ecken des Verwaltungstrakts dringt Musik. Hier übt ein Bassist, dort düdelt leise eine Sinfonie aus dem Chefsekretariat. Hier residiert Andris Nelsons seit Februar dieses Jahres als 21. Gewandhauskapellmeister, wenn er nicht gerade in Boston bei seinem anderen hoch berühmten Orchester ist oder in Wien, bei den Philharmonikern, oder in Salzburg oder in London oder in Berlin. Nelsons ist 39 Jahre alt, hat eine Tochter, ist geschieden von der lettischen Sopranistin Kristine Opolais, und lebt, gezwungenermaßen, in mehreren Städten. Er gilt als einer der begabtesten Dirigenten seiner Generation. Sein Talent jagt ihn über die Kontinente, in Sachsen kommt er hin und wieder zur Ruhe – oder zu dem, was er für Ruhe hält.

Früher betrieb Andris Nelsons harten Kampfsport als Ablenkung, heute spielt er zur Entspannung Trompete, gibt sogar Konzerte. Er findet, Trompete ist wie Joga. Bevor er Dirigent wurde, hatte Nelsons eine Stelle als Trompeter im Opernorchester seiner Heimatstadt Riga. Man erzählt sich, dass er bei Aufführungen der Matthäuspassion manchmal an einem einzigen Abend Bariton sang und Trompete spielte. Damals pendelte er einmal die Woche zum Dirigierunterricht ans Sankt Petersburger Konservatorium, die Zugfahrt dauerte 16 Stunden. Vielleicht hat Andris Nelsons ein schwächeres Stressempfinden als die meisten Menschen. Vielleicht kann er auch nicht anders. Er nennt Stress nicht Stress, sondern "Training": Von einem Piloten verlange man doch auch, dass er häufig fliege, und so dürfe man von einem Dirigenten erwarten, dass er oft dirigiere, um in Form zu bleiben. Vom Nichtspielen werde man schließlich nicht besser. Sein Antrittskonzert in Leipzig musste Nelsons um ein halbes Jahr verschieben: zu viele Termine.

Bedeutende Werke der Musikgeschichte wurden vom Leipziger Gewandhausorchester uraufgeführt: So zum Beispiel Schumanns erste, Mendelssohns dritte Sinfonie, Brahms’ Violinkonzert und Wagners Vorspiel zu den "Meistersingern". Andris Nelsons liebt Uraufführungen, und er will die Leipziger bei ihrer Uraufführungsehre packen, auch wenn er weiß, dass das schnell in Missvergnügen enden kann, wenn man es übertreibt. Er möchte nicht, dass die Sachsen von ihm denken, er sei ein junger Irrer, der nur Zeitgenössisches aufführt. Er will, dass die konservativen Hörer ihm vertrauen, wenn er sie mal von der geliebten Spätromantik mit in die Postmoderne nimmt, schleift, drückt und zerrt, bis ihnen die trainierten Ohren klingeln.

Für das Eröffnungskonzert der Saison 2018/19 probt Nelsons folgerichtig mit seinen Musikern an einem Mittwochmorgen Ende August das brandneue Stück Express Abstractionism des Amerikaners Sean Shepherd. Der Komponist ist anwesend. Nelsons überlässt ihm vor jedem Satz das Podium, Shepherd sagt dann, dass das Orchester so klingen soll, wie die frühen Gemälde Gerhard Richters aussehen. Nelsons muss diesen Worten nun Gestalt verleihen. Er rauft sich bei dissonanten Stellen die Haare, singt Flötenlinien im Falsett, vor Paukenschlägen springt er auf, sein rotes Polohemd wird zusehends nasser. Der Lette ist kein Freund des minimalinvasiven Dirigierens. Die Halskette mit dem Kruzifix schlackert heftig hin und her. Es ist wieder Zeit für das Parfüm.