Ansgar Wucherpfennig lehrt an der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Nun bekam er Probleme mit dem Vatikan. Ein Gespräch über Glauben und die Freiheit der Wissenschaft

DIE ZEIT: Herr Wucherpfennig, wie haben Sie eigentlich erfahren, dass der Vatikan etwas gegen Sie hat?

Ansgar Wucherpfennig: Ich saß gerade in einer Sitzung. Da leuchtet eine Nachricht auf meinem Handy auf, vom Vertreter der Jesuiten in Deutschland: Es liege Post aus Rom für mich vor und dass er dringend mit mir sprechen müsse. Ich war fassungslos. Völlig baff.

ZEIT: Was wird Ihnen vorgeworfen?

Wucherpfennig: Das Schreiben aus Rom ist nicht besonders ausführlich. Mir wird vorgehalten, dass ich mich vor zwei Jahren in einem Interview über sexualmoralische Fragen geäußert habe. Und dass ich homosexuelle Paare gesegnet habe und dies auch biblisch rechtfertige. Ich habe mich außerdem für den Diakonat der Frau ausgesprochen und darüber nachgedacht, wie diese Form des niedrigeren Weiheamtes aussehen könnte.

ZEIT: Die Kirche verweigert Ihnen das sogenannte Nihil obstat, eine Unbedenklichkeitserklärung zur Ausübung dieses Leitungsamtes. Dabei sind Sie schon seit 2014 Rektor der Hochschule Sankt Georgen, wurden zweimal wiedergewählt.

Wucherpfennig: Das Nihil obstat wird von der Bildungskongregation der katholischen Kirche erteilt. Sie fragt bei jeder Ernennung auch bei der Glaubenskongregation nach, ob Einwände gegen die zu berufende Person vorliegen: ob also Lehre und Lebensführung den katholischen Positionen entsprechen. Diese Einwände gab es in meinem Fall.

Der Jesuit Ansgar Wucherpfennig, 52, lehrt in Frankfurt am Main. © Frank Rumpenhorst/dpa

ZEIT: Sie haben in diesem Interview auch über Ihre Bedenken gegenüber dem Zölibat gesprochen und erzählt, dass Sie schon mal verliebt waren. Bereuen Sie das heute?

Wucherpfennig: Ich bin in einem Priesterseminar ausgebildet worden, habe immer in Jesuitenhäusern gelebt. Das ist eine Männergesellschaft, in der ich mich zu Hause fühle, keine Frage. In der Ausbildung hatte ich den Eindruck, dass sich alle mit dem Zölibat identifizieren. Ich habe mich aber immer gefragt: Wieso ringe ich selbst so sehr damit? Mir wäre es leichtergefallen, wenn mir mal jemand gesagt hätte: Du, ich habe auch meine Schwierigkeiten. Ich glaube, dass Priester und Seelsorger, auch Seelsorgerinnen, nur dann überzeugend sind, wenn sie persönlich und ehrlich sind. Wenn wir nicht nur von unseren Überzeugungen sprechen, sondern auch davon, wo wir angefochten sind.

ZEIT: Jetzt stehen Sie als Angefochtener im Rampenlicht.

Wucherpfennig: Ja, und ich hoffe, dass sich durch die Diskussionen, die das auslöst, Positionen in der Kirche verändern. Die Solidarität ist überwältigend, das treibt mir manchmal Tränen in die Augen. So viele Theologen, Freundinnen und Freunde haben sich hinter mich gestellt und wollen diese Reformdebatte endlich führen. Den römischen Kongregationen muss das jetzt doch klar werden. Ich bin ja nicht der Einzige, der die römische Lehre kritisiert.

ZEIT: Hatten Sie inzwischen eine Möglichkeit, sich persönlich zu den Vorwürfen zu äußern?