Warum Arbeiterkinder noch immer Scheu vor der Uni haben

DIE ZEIT: Frau Urbatsch, Ihre Initiative Arbeiterkind.de hilft, mehr Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten an die Hochschulen zu bringen. Warum?

Katja Urbatsch: Nur knapp jeder zweite Abiturient aus einer Arbeiterfamilie geht an eine Hochschule. Bei Akademikerkindern mit Hochschulreife sind es 87 Prozent. Viele Arbeiterkinder würden gerne studieren, aber sie haben das Gefühl: Ich kann es nicht. Unsere Vision ist, dass jedes Kind die Chance auf einen Bildungsaufstieg hat.

ZEIT: Was sind die Barrieren?

Urbatsch: Es gibt finanzielle wie psychologische Barrieren, die aber beide mit dem Elternhaus verwoben sind.

ZEIT: Finanzielle Barrieren? In kaum einem anderen Land ist studieren so günstig wie in Deutschland.

Urbatsch: Trotzdem werden Schulden gemacht. Bafög muss man zurückzahlen, und es deckt selten alle Kosten. Bis zum ersten Einkommen geht man also in Vorleistung. Eine Ausbildung bringt sofort Geld ein. Was die meisten nicht wissen: Akademiker verdienen im Schnitt über ihr gesamtes Erwerbsleben 2.750 Euro netto pro Monat, nach einer Lehre sind es 1.400 Euro.

ZEIT: Was sind die psychologischen Barrieren?

Urbatsch: Wenn mein Umfeld mir ein Studium nicht zutraut, wie soll ich dann selbst an mich glauben? Ein weiteres Hemmnis ist der Milieuwechsel. Menschen tendieren dazu, sich für das ihnen Vertraute zu entscheiden. Und Arbeiterkinder sitzen zwischen den Stühlen. Natürlich ist die Universität für alle Studienanfänger eine fremde Welt, doch anders als ein Akademikerkind haben sie niemanden, der ihnen die Spielregeln erklärt. Und daheim entfremden sich viele ihrer Familie. Das geht ans Innerste. Aus Elternsicht gesprochen: Ist, wie wir leben, nicht mehr gut genug für dich?

ZEIT: Wie geht Arbeiterkind.de diese Barrieren an?

Urbatsch: Wir klären auf: Informieren zum Beispiel über Stipendien oder erklären, wie Bafög beantragt wird. Unser Herzstück sind dabei unsere Ehrenamtlichen, die selbst Studierende der ersten Generation sind. Sie gehen an Schulen und bieten Gespräche an.

ZEIT: Gespräche bieten auch Studienberatungen.

Urbatsch: Es geht darum, eine Tür aufzustoßen. Unsere Ehrenamtlichen ermutigen die Schüler durch ihre eigene Geschichte, sie sind Vorbilder. Sie beraten also eher wie eine große Schwester oder ein großer Bruder, denen man auch vermeintlich dumme Fragen stellen kann. Bei konkreten Fachfragen kooperieren wir mit den Studienberatungen.

Katja Urbatsch ist Gründerin und Geschäftsführerin von Arbeiterkind.de. Die Initiative gibt es seit zehn Jahren.