Was man als Zeitungsleser über die Krise der biologischen Vielfalt mittlerweile weiß: Ein menschengemachtes Massenaussterben ist im Gange. Vor allem der wohlhabende Teil der Spezies Homo sapiens leitet Gifte in Gewässer, holzt Urwälder ab, jagt Tiere, bis deren Populationen zusammenbrechen. Die Bilder sind grausam – Elefanten, denen die Stoßzähne aus dem Kiefer gehackt wurden, endlose Palmölplantagen, wo Regenwald wuchs, eine Schildkröte, der ein Plastiktrinkhalm im Nasenloch festgewachsen ist. Das Geschehen aber ist sehr weit weg.

Doch so weit muss man gar nicht schauen. Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, hat jetzt ein Papier vorgelegt, das den Verlust von Artenvielfalt klar benennt, und zwar auf Äckern und Feldern in Deutschland: In der Agrarlandschaft sinken die Häufigkeiten von Vogel- und Schmetterlingsarten. Ertragreiche, aber artenarme Kulturen wie Weizen oder Raps haben kleinräumige, abwechslungsreiche Habitate verdrängt. Der massive Eintrag von Düngern und Pestiziden verändert Lebensräume und macht sie biologisch ärmer. Nirgendwo ist hierzulande der Verlust von biologischer Vielfalt größer als in der Landwirtschaft.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber das Leopoldina-Papier bietet eine große politische Chance: Die Diskussion über das Insektensterben und ausgeräumte Landschaften muss endlich auf ein neues Niveau gehoben werden. Doch die mächtige Interessenvertretung der Bauern verweigert das Gespräch darüber, was zu tun ist – gegen das Verstummen der Vögel, das Verschwinden der Insekten und die Verarmung dessen, was wir Kulturlandschaft nennen. Dabei wäre genau das im Interesse ihrer Mitglieder. Viele Bauern klagen über das "Bashing", dem sie ausgesetzt seien. Doch dass sie in die Rolle der Bösewichte gedrängt werden, liegt auch daran, dass ihre politische Vertretung Mitverantwortung leugnet.

Um es einmal deutlich zu sagen: Bauern lieben das Land, das sie bestellen. Bauern wollen die Natur erhalten – schon allein (aber nicht nur), weil sie ihre Lebensgrundlage ist. Aber sie müssen auch wirtschaftlich handeln, den Regeln des Marktes und der EU-Bürokratie folgen, denn Subventionen sind eine wichtige Einnahmequelle.

Hier müssen Veränderungen ansetzen, zuerst bei der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, die gerade diskutiert wird. Wissenschaftlich fundierte Maßnahmen im Kampf gegen den Verlust der Vielfalt gibt es nämlich, das belegt das Leopoldina-Papier: Schutzgebiete müssen größer, besser bewirtschaftet und vernetzt werden; ein einheitliches Biodiversitäts-Monitoring für ganz Deutschland ist nötig; die regionale Wirtschaft sollte gestärkt werden; Kreise und Kommunen müssen ihren Spielraum für umweltfreundlichere Politik nutzen.

Die Bauern – und vor allem ihre Interessenvertreter – sollten das zu ihrem Thema machen. Es ist genauso wichtig wie der Kampf gegen Elefanten-Wilderei oder gegen die Rodungen von Tropenwäldern.