"Praktisch alle meine Lieblingsphilosophen", sagt Aseem Shrivastava, "sind deutsch." Der Vordenker eines alternativen Indiens lebt in einer jener Siedlungen, die in Delhi "Kolonie" heißen: solide zwei- oder dreistöckige Häuserreihen oder -gevierte, von Jahren der Sommersandstürme und Monsunregen schon etwas mitgenommen, mit üppig wuchernden Pflanzen auf den Balkonen und Flachdächern und mit malerisch vernachlässigten Nachbarschaftsparks, in denen die Kinder Cricket spielen. Das typische Quartier des Bürgertums sowie der Beamten und Akademiker, die nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 ein neues, progressives Land errichten wollten. Leicht verwitterte Monumente einer Moderne, die noch unschuldig und hoffnungsvoll war.

Der Gastgeber ist nicht einfach höflich zu seinem deutschen Besucher, wenn er Philosophen wie Nietzsche und Hannah Arendt oder Dichter wie Goethe rühmt. Für ihn sind sie geistige Verbündete: Kritiker eines blinden Fortschrittsglaubens, Sucher nach einer authentischen Kultur und Lebensweise. Shrivastava zufolge führt der Entwicklungsweg, den Indien und andere Aufsteigerländer der früheren Dritten Welt in den vergangenen Jahrzehnten eingeschlagen haben, in die Irre. Sein Land, so sieht er es, hat sich einem Brutalkapitalismus geöffnet, der die Umwelt verpestet, trotzdem nicht genug Jobs schafft und die Bürger in einen verzweifelten Konkurrenzkampf aller gegen alle treibt.

Shrivastava zeigt nach draußen, wo jenseits der friedlichen Kolonie die Verkehrshölle der Metropole mit ihren Automassen und ihrer Rücksichtslosigkeit brodelt: "Delhi ist die Welthauptstadt des schlechten Benehmens, und der Grund ist die Idee, dass wir den Anschluss an Hongkong, London und New York finden müssen." Aber gibt es ein besseres Modell? Eine andere Möglichkeit, als den Westen nachzuahmen, seine Fehler zu wiederholen und hinter seinem Erfolg trotzdem hoffnungslos zurückzubleiben?

Aseem Shrivastava ist kein ignoranter Maschinenstürmer. Er hat Wirtschaftswissenschaften studiert und in den Vereinigten Staaten in Entwicklungsökonomie seinen Doktor gemacht, mit einer Arbeit über Waldbewirtschaftung im Himalaya. Sein Buch Churning the Earth (etwa: "Das Umgraben der Erde"), das er mit einem Kollegen zusammen geschrieben hat, ist ein Standardwerk für alle, die den Siegeszug des Marktes kritisch befragen, der Indien seit den 1990er-Jahren umwälzt.

Das ist eine Minderheitenposition im Land, aber nicht ohne Anziehungskraft. Shrivastava publiziert Kommentare in großen Zeitungen und hält Vorträge an führenden Universitäten. Ein Ministerpräsident aus der konservativen Regierungspartei BJP hat ihn eingeladen, seine Ideen vorzutragen. Grüne Sympathien sind auch in Indien nicht auf die Linke und auf junge Leute beschränkt; im bürgerlichen Milieu verbinden sie sich oft mit einer nostalgischen Stimmung, mit der Suche nach einer verlorenen, vorindustriellen Heimat. Ebenso wie die Modernisierung repräsentiert auch die Modernisierungskritik indischen Zeitgeist.