Was verändert der Auszug des Kindes für die Familie? Julius und seine Eltern über einen großen Schritt.

Julius Kintzinger, 20

"Der Abschied von zu Hause kam auf Raten: Nach dem Abi war ich erst drei Monate für einen Sprachkurs in Madrid, dann wieder zu Hause, um zu jobben, und dann ein halbes Jahr auf Südamerikatour. Seit einem Jahr studiere ich nun Jura in Bayreuth, 600 Kilometer von meinen Eltern entfernt. Für mich kam es nicht infrage, für das Studium im Norden zu bleiben. Ich wollte raus aus den vertrauten Gefilden. Ich mag es, dass jetzt jeder sein eigenes Leben hat. Niemand schreibt mir mehr etwas vor. Einiges war zu Hause natürlich bequemer, da musste ich beispielsweise nicht putzen. Das weiß ich erst jetzt richtig zu schätzen. Kürzlich sagten mir meine Eltern, dass sie aus meinem bisherigen Zimmer ein Fernsehzimmer machen wollen. Für mich geht das in Ordnung, solange sie meine Bücher nicht in den Keller verfrachten. Ich stöbere gern darin, wenn ich zu Besuch bin. Ich freue mich jedes Mal darauf, nach Hause zu kommen. Wir streiten weniger als früher. Etwa einmal pro Woche rufe ich zu Hause an. Wenn ich kein konkretes Anliegen habe, sondern einfach plaudern möchte, wähle ich die Festnetznummer: Ich möchte mich überraschen lassen, wer von beiden drangeht."

Axel Kintzinger, 57

"Seit ein Jahr nach unserer Tochter nun auch Julius ausgezogen ist, hat sich unser Alltag drastisch verändert. Wir sind nicht mehr mit jungen Erwachsenen konfrontiert, die spontan auf unserem Sofa vorglühen. Morgens drängelt sich keiner mehr vor ins Bad. Damit geht eine Autonomie einher, die ich zu schätzen weiß. Ich denke, wir haben uns gut eingependelt: Jeder macht sein Ding, ab und zu postet jemand ein Update oder Foto in den Familienchat. Niemand ist gezwungen, sofort zu reagieren. Wir waren nie Eltern, die besorgt neben dem Telefon sitzen. Mit den Jahren lernte ich, dass no news im Zweifel eher good news sind. Wenn die Kinder zu Besuch kommen, haben sie spannende Themen im Gepäck. Die Gespräche, die daraus entstehen, sind für uns ein großer Gewinn. Plötzlich geht es nicht mehr vorrangig um Alltagsdinge, sondern auch um französische Soziologen oder rechtsgeschichtliche Themen. Und wir hören uns gespannt die Zukunftspläne an: Julius kann sich vorstellen, nach dem Studium wieder ins Ausland zu gehen. Auch meine Frau und ich überlegen, wie es weitergeht: Mittelfristig würden wir unser Haus gern verkaufen, vielleicht in ein Wohnprojekt mit Freunden ziehen. Es bleibt spannend!"

Angelika Wellmann, 60

"Neulich habe ich Julius in seiner WG besucht, da sah es picobello aus, und ich war überrascht, wie gut er auf seine Ernährung achtet. Früher gab es manchmal Zoff, weil er nicht aufgeräumt hat. Wenn er jetzt zu uns kommt, lässt er zwar noch immer gerne ein paar Sachen liegen. Aber ich sehe das gelassener und denke mir: Ruhig und aufgeräumt wird es früh genug wieder sein. Ich genieße die Besuche und stelle mich auch mal geduldig in die Bäckerschlange, um ihm sein Lieblingsbrot zu kaufen. Wenn er Zeit hat, gehen wir in Ausstellungen, in die Oper oder ins Theater, wie früher. Wenn er sich stattdessen mit Freunden trifft oder an einer Hausarbeit schreibt: Auch gut, wir haben ja unser eigenes Leben. Meine Mutter wollte mich zu festen Zeiten treffen oder sprechen. Das werde ich von meinen Kindern nicht verlangen. Für meinen Mann und mich sind neue Freiräume entstanden. Wenn uns nach der Arbeit der Sinn nach einem Glas Wein steht, verabreden wir uns spontan. Sonntagmorgens lesen wir im Bett die Zeitung, statt den Tisch für das Familienfrühstück zu decken oder um acht auf dem Fußballplatz zu stehen. Und ich spiele öfter Klavier und mache meine Yoga-Übungen dann, wenn mir danach ist."