Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Die meisten Aufkleber auf deutschen Autos geben Aufschluss über die Namen der mitfahrenden Kinder. Auf Platz zwei und drei der beliebtesten Autoaufkleber sind der Umriss von Sylt und ein angedeuteter Fisch. Noch nie habe ich Fisch und Sylt auf derselben Heckklappe kleben sehen, aber das ist vielleicht auch nur Zufall. Natürlich hat nicht jedes Mitglied einer christlichen Kirche einen Fisch auf dem Kofferraum kleben, obwohl das soziologisch natürlich interessant wäre.

Der Fisch ist, das wird im Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht gern gelehrt, ein ehemals geheimes Symbol für das Christentum. Es ist eine Art antikes Wortspiel, das die Jahrhunderte überdauert hat und irgendwann von der Autoaufkleberindustrie entdeckt wurde. Wer heute einen Fisch auf sein Auto klebt, muss keine Verfolgung durch Kaiser oder Obrigkeit fürchten, sondern möchte als Christenmensch erkannt werden. Nur warum ausgerechnet diese Sichtbarkeit im Autoverkehr? Man kann sich nicht wie die LKW-Fahrer verständnisvoll-anerkennend zunicken, weil der Fisch am Heck des Wagens haftet und man ihn nur sieht, wenn man das vorübergefahrene Auto im Rückspiegel auf Aufkleber überprüft.

Man kann dem Fisch zugutehalten, dass er ein Glaubenszeugnis an einem Ort darstellt, wo man ihn – anders als im kirchlichen Krankenhaus oder dem "Wort zum Sonntag" – nicht erwartet. Der Fisch auf dem Auto könnte ein Hoffnungssymbol sein, ein Zeichen dafür, dass dort Menschen unterwegs sind, die die Welt nicht verloren geben. Dabei symbolisiert inzwischen jeder Diesel und jeder SUV genau das, nämlich dass nicht mehr viel zu retten ist. Der Mensch erhält von Gott den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, und klebt Fische auf seine Karosserien, damit Gott und die Menschen erkennen "Das ist ein Gerechter, der dort seit 20 Minuten im Stau steht und den Motor laufen lässt."

An meinem Auto (Kleinwagen, Benziner, wohlgemerkt) klebt auch ein Fisch. Ich weiß gar nicht mehr genau, warum ich ihn aufgeklebt habe, als ich das Auto kaufte. Wahrscheinlich aus Gewohnheit, der Erwartungserwartung heraus, dass die Vikarin ein sichtbares Zeichen ihres Glaubens mit sich herumfahren sollte. Und, jetzt wo ich darüber nachdenke, wohl auch aus einer Art magischem Schutzdenken heraus, mit göttlich-fischlichem Beistand etwas sicherer ans Ziel zu kommen als ohne. Doch ich denke regelmäßig darüber nach, ihn abzukratzen. Immer wieder kommt es vor, dass ich anderen Verkehrsteilnehmern unabsichtlich (!) die Vorfahrt nehme, etwas zu schnell fahre oder mangels größerer Parkplätze recht unelegant parke. Theologisch ist das letztlich kein Problem, denn als Gläubige bin ich auch als Verkehrssünderin gerechtfertigt. Aber einen Crashkurs in Rechtfertigungslehre will ich dann auch nicht auf mein Auto kleben. Vielleicht versuche ich es mal mit einem Rosenkranz am Rückspiegel, der ist etwas dezenter.