Kommen wir zum Klassiker des Bahnfahrens: dem Warten. Nein, nicht in einem Zug, der Stunden im Nirwana verharrt, sondern im Bahnhof Altona. Genauer im dortigen Reisezentrum, dem Ort, an dem man auch Fahrkarten für den Zug erwirbt. Und das nicht online, nicht via App – sondern physisch. Einst, manche von Ihnen mögen sich erinnern, war das Anstehen am Bahnschalter für alle, die sich nicht den Launen des Zugschaffners ausliefern wollten, sogar die einzig praktikable Art des Fahrkartenerwerbs. Und jedes Mal ein Krimi. Denn es konnte nach einer Dreiviertelstunde in der Warteschlange und kurz vor Abfahrt des Zuges ohne Weiteres passieren, dass der Bahnbeamte einem die von Faustschlägen zerbeulte Sprechklappe vor der Nase zuknallte und in die Pause ging.

Im Reisezentrum im Bahnhof Altona läuft das heute anders. Längst sind die Schalter modernen Serviceplätzen gewichen, es gibt auch keine Sprechklappen mehr, gegen die man die Faust donnern könnte. So bleibt den Wartenden nur, diese in der Tasche zu ballen, wenn sich bei 20 Anstehenden eine Angestellte in bahnblauem Kostüm erhebt, um in die Pause zu gehen. Nicht ohne zu murmeln, die Wartenden sollten sich mal entspannen, sie habe schon über eine Stunde gearbeitet. Sicher, es sind noch andere Bahnmitarbeiter mit dem Ticketverkauf beschäftigt, zwei routinierte und ein Computernovize, aber dennoch schießt eine Welle der Empörung durch die Reihe der teils betagteren Wartenden: Man harre schon mehr als eine Stunde aus, könne nicht länger stehen – was die Bahn eigentlich gegen ältere Menschen habe, die ihre Tickets nicht am Computer buchten? Wolle man nur noch Online-Kunden? Wieso sonst habe man obendrein den Automaten abgeschafft, der früher hier Wartenummern vergab, sodass man, statt stehen zu müssen, bequem auf den Sitzbänken warten konnte?

Es habe mit dem System zu viele technische Probleme gegeben, sagt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis, der selbstredend abstreitet, dass die Bahn etwas gegen Senioren und Sitzbedürftige habe. Immerhin gebe es noch andere Möglichkeiten, an ein Bahnticket zu kommen, per Telefon oder in einem Reisebüro, und immerhin "haben wir uns dafür entschieden, im Reisezentrum Altona die Sitzgelegenheiten nicht abzuschaffen". Allerdings: Wer weiß, wie lange man die noch braucht. Im Jahr 2017 wurden 16 Prozent aller Deutsche-Bahn-Tickets in einem Reisezentrum gekauft und fast 40 Prozent im Internet.