Letztlich ist das Lesen immer eine Reise. Es macht allerdings einen Unterschied, ob man sich in die Gartenlaube begibt oder in die Wildnis. Der neue Roman des ungarischen Schriftstellers László Krasznahorkai gleicht einer Passage in arktische Breiten, wo Treibeis und Stürme lauern. Der Reisende benötigt eine gewisse Ausdauer, um sich in die verwirrende Lage einzufinden. Nach einer Weile jedoch lichten sich die Nebel, er sieht die Konturen einer fantastischen Landschaft. Am Ende ist er froh, die Komfortzone des Lesens verlassen und eine Erfahrung gewonnen zu haben, von der er nie geträumt hätte.

Krasznahorkai, geboren 1954, zählt zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er lebt in der Nähe von Budapest und in Berlin, verbrachte viele Jahre in China, in Japan und den USA. 2015 erhielt er den Man Booker Prize. Baron Wenckheims Rückkehr ist sein zehnter Roman.

Die Kälte in diesem durch und durch ungemütlichen Buch rührt daher, dass wir einer geradezu dostojewskihaften Versammlung von Figuren begegnen, die selten sympathisch sind. Manche von ihnen sind korrupte Zyniker, andere traurige, gescheiterte Gestalten, und alle sind sie in ihre Interessen und Schicksale verstrickt. Manche wachsen uns ans Herz, weil sie uns irritierend ähnlich sind. Die Geschichte spielt in der Gegenwart.

Es gibt aber eine Wärmezone, die den Roman mit einem stillen Glühen erfüllt: eine tragikomische, eine ergreifende Liebesgeschichte. Béla Wenckheim nämlich, Nachkomme eines österreichisch-ungarischen Adelsgeschlechts, der lange Jahre in Argentinien gelebt hat, kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück, in die an der rumänischen Grenze gelegene ungarische Kleinstadt, und er tut dies nicht, um das Schloss der Vorväter zu beziehen und erloschenen feudalen Glanz wieder herzurichten, sondern allein deswegen, weil dort die Liebe seines Lebens lebt, jene damals Neunzehnjährige, die er, der Siebzehnjährige, angebetet und nie vergessen hat. Nun ist der Baron mittlerweile 65 Jahre alt und die einst Geliebte entsprechend älter, sodass er sie, als sie einander endlich begegnen, schlichtweg nicht wiedererkennt – woraufhin sie, die einsame, die resignierte Frau, die er durch vorausgeschickte Liebesbriefe in Flammen gesetzt hat, sich aufs Bitterste gedemütigt fühlt.

Der Baron zeigt ihr das Jugendfoto, das er immerzu bei sich trägt, und er fragt sie, ob sie ihm nicht helfen könne, diese Frau zu finden. "Das konnte doch nicht sein, dass er herkam, sich ihr gegenübersetzte, sie ansah und nicht realisierte, wer sie war, das war doch einfach nicht möglich (...), sie senkte langsam den Kopf und begann, stumm zu weinen, und der Baron schaute sie immer noch mit dem gleichen entsetzten Blick an, schaute noch immer, so saßen sie sich gegenüber, lange Minuten vergingen, und keiner von ihnen sagte etwas, es gab nichts zu sagen, dann ließ der Baron die Tasse langsam sinken, stellte sie aufs Tischchen zurück, stand auf und ging wie ein Schlafwandler in den Flur hinaus."

Wenn man diese Geschichte so resümiert – und es ist ja nur eine von Dutzenden, lediglich ein einziger Faden des hundertfädigen Gewebes –, dann entsteht der Eindruck, es sei hier ein ordentlicher Erzähler am Werk. Aber den gibt es nicht. Denn jede dieser Episoden wird ausschließlich aus der Sicht der Beteiligten geschildert, jede ist eine Nahaufnahme, das Standfoto aus einem endlosen Film, und jede besteht aus einer Kaskade langer melodischer Sätze, aus Monologen und Dialogen, aus indirekter Rede, Beiseitegesprochenem und Vor-sich-hin-Gedachtem.

Die Szenen stoßen hart aneinander. Gerade mal ein Absatz macht kenntlich, dass jetzt eine andere Person spricht, eine andere Stimmungslage anklingt, eine andere Befindlichkeit Gehör verlangt. Es gibt keine Erläuterungen, Regieanweisungen, und die üblichen Überleitungstexte fehlen vollständig. Das Ganze gleicht einem Orchester vor dem Konzertbeginn, wo jeder Instrumentalist ein paar Fingerübungen macht, ein paar Fragmente spielt, bis endlich alle zueinanderfinden. Und dieses Buch läse sich nicht derart faszinierend, besäße Krasznahorkai nicht eine stupende literarische Musikalität. Sie verleiht seiner Prosa einen nie gehörten Sound, in dem man nach und nach widerstandslos versinkt. Ihn ins Deutsche zu übertragen war eine gewaltige Aufgabe, und Christina Viragh hat sie glanzvoll gelöst.

So entsteht eine Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, des latent und am Ende akut Bedrohlichen. Eine Weile allerdings sieht es fast so aus, als gehe diese Kleinstadt, die an Korruption und ökonomischem Niedergang leidet, einer glanzvollen Zukunft entgegen. Denn die Ankunft Wenckheims erweckt die größten Hoffnungen. "Der schwerreiche südamerikanische Baron", so die Medien, werde den Aufschwung ermöglichen.

Der Bürgermeister lässt einen prächtigen Empfang am Bahnhof organisieren, eine Kutsche wird bereitgestellt, der Frauenchor wird ein Willkommenslied singen, und die "Schutztruppe", eine neonazistische Motorrad-Gang, wird ein machtvolles Hupkonzert zum Besten geben. Auch hat man das heruntergekommene Schloss der Wenckheims, in dem sich ein Waisenhaus befindet, geräumt, die Waisenkinder umquartiert, ein Schlafgemach notdürftig hergerichtet.