Wer Claudia Perren trifft in diesen Tagen, sieht eine Frau in Furcht. Perren, 45, Intendantin der Dessauer Bauhaus-Stiftung, trägt einen schwarzen Pulli zum schwarzen Jackett, ihr Gesicht ist blass, ihr Blick ist unsicher, man sieht ihr an: Da ist Druck. "Es war nie mein Anliegen, die Freiheit der Kunst einzuschränken", sagt sie im Gespräch mit ZEIT und ZEIT ONLINE. "Es tut mir leid, dass das in der Öffentlichkeit so angekommen ist." Sie könne das nur bedauern.

Perren hat in der vorigen Woche eine Entscheidung getroffen, die ihr einen Shitstorm einbrachte – einen von der besonders heftigen Sorte. Sie hat ein Konzert der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne ihres Hauses untersagt. Und begründete das in einer ersten Pressemitteilung unter anderem so: "Politisch extreme Positionen, ob von rechts, links oder andere, finden am Bauhaus Dessau keine Plattform."

Man konnte aus der Erklärung, wenn man wollte, auch dies herauslesen: Feine Sahne Fischfilet wurde ausgeladen, weil man sie für linksextrem hält. Das brachte die Republik in Wallung, vor allem den linksliberalen Teil. Die Frage, die viele elektrisierte, war: Übt hier eine Stiftung Zensur? Knickt gar ein unterm Druck der AfD?

Wer den Fall genauer betrachtet, wer sich die Geschichte hinter dem Shitstorm ansieht, der bemerkt: Die Sache ist, wie oft, komplizierter. Die übergroße Aufmerksamkeit erklärt sich aus dreierlei. Daraus, wie nervös das Land ist – sodass selbst ein lässiger Umgang mit singenden Punks schwierig geworden ist. Daraus, dass es im Kampf um Deutungshoheit häufig nur um Empörung geht. Und daraus, dass es mitunter kein Interesse gibt, zu fragen: Warum hat einer entschieden, wie er entschieden hat?

Von vorn: Seit 2011 vermietet die Stiftung Bauhaus ihre Bühne zweimal jährlich an eine Produktionsfirma, die im Auftrag des ZDF die Konzertreihe zdf@bauhaus organisiert. Die Auswahl der jeweils auftretenden Band organisiert das ZDF. Diesmal hatte der Sender beschlossen, eben Feine Sahne Fischfilet einzuladen.

Die Band, man kann das nicht anders sagen, drückt sich delikat aus. Neulich, beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz, äußerte sich der Frontmann Jan Gorkow zur Lage der CDU. "Diese räudige Hetze der Regierungsparteien, die ist einfach nur abstoßend!", rief er. Er bekundete, das Gefühl zu haben, dass es von der CDU "beklatscht wird, wenn hier wieder gegen Menschen Hetze betrieben wird". Einige CDU-Politiker hätten kein Problem damit, dass "Zigtausende Leute im Mittelmeer verrecken". Dann stimmte er "Alerta, Alerta, Antifascista" an.

Feine Sahne Fischfilet haben sich Verdienste im Kampf gegen Rechtsextremismus in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern erworben. Die Band ist aber auch – um das festzustellen, braucht es keine allzu aufmerksame Text-Exegese – radikal links. Und lebt mehr von der Provokation als von der Musik. Das ist nicht verboten. Doch gibt es Menschen, die solche Radikalität verschreckt. Ist es unter diesen Vorzeichen nicht verständlich, wenn sich eine öffentlich-rechtliche Stiftung dagegen wehrt, ein Konzert von Feine Sahne Fischfilet auf ihrer Bühne auszurichten? Oder andersherum: Ist eine öffentlich-rechtliche Stiftung verpflichtet, ein Konzert dieser Band in ihrem Haus zu tolerieren?

Fragt man Claudia Perren danach, schaut sie erschrocken und versichert dann: Mit der Musik und den Texten dieser Band habe ihre Entscheidung doch aber gar nichts zu tun. Ihre erste Pressemitteilung, die das suggerierte, hält sie im Rückblick für einen Fehler. Vielmehr sei es so gewesen: Als sie erfuhr, wen das ZDF da diesmal geladen habe, habe sie daran erst gar nichts Schlimmes gefunden. Dann aber habe man im Internet entdeckt, dass Rechtsradikale gegen den Auftritt mobilmachten. Perren sagt, sie habe sich mit Rainer Robra (CDU) beraten, Chef der Staatskanzlei Sachsen-Anhalts und Bauhaus-Stiftungsratsvorsitzender. Hernach habe sie entschieden, den Auftritt von Feine Sahne Fischfilet abzusagen. Und zwar wegen der Bedrohungslage: Man habe den "Rechtsradikalen vor dem Bauhaus keine Plattform bieten" wollen. Überdies bedürfe das Bauhaus-Gebäude, immerhin Unesco-Weltkulturerbestätte, natürlich eines besonderen Schutzes, "auch rein physisch".

Wer soll das verstehen: Dass man Neonazis die Bühne entziehen will, indem man eine linke Band auslädt? Dass man Sachsen-Anhalts Polizei nicht zutraut, ein Gebäude zu bewachen? Eine Absage aus Angst vor rechten Gegendemos also? War das wirklich der Grund? Die Kommunikation der Stiftung im Nachgang der Konzertabsage ist, gelinde gesagt, konfus.

Rainer Robra, der CDU-Staatskanzleichef, formuliert direkter. "Man kann aus guten Gründen zu der Entscheidung kommen, dass der Auftritt einer linksradikalen Band der falsche Auftritt zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen wäre", sagt er. Und: "Es ist auch das gute Recht einer Intendantin, einmal zu sagen: Diese Band passt uns gerade nicht. Die Kunstfreiheit erschöpft sich nicht darin, jeder Band einen Auftritt ermöglichen zu müssen." Dies zumindest ist eine Haltung, über die Dessau diskutieren könnte.