"Die Hände in die Höh’ – eins, zwei, Egliiii", ruft der Fotograf, dann drückt er den Auslöser. Drei Dutzend VIP-Gäste drängen sich für das Gruppenbild um Beatrice Egli, den 1,63 Meter kleinen großen Star des Schlager-Open-Airs im sanktgallischen Wildhaus. Man versteht das eigene Wort kaum im Zelt hinter der Bühne, die österreichische Partyband Meilenstein wärmt gerade das Publikum für ihre Headlinerin Egli auf. Aber das tut der lockeren Stimmung beim meet & greet keinen Abbruch.

"Wo kommst du her?", fragt Egli jeden einzelnen Fan, während sie für Fotos posiert und persönliche Widmungen auf Autogrammkarten schreibt. Wann immer das Dorf oder die Ortschaft weiter weg ist als 30 Kilometer, sagt sie: "Danke vielmals, dass du den weiten Weg auf dich genommen hast!" Ein Mädchen ist aus dem Nachbardorf Nesslau angereist. 16 Kilometer sind das. "Dort bin ich jeweils umgestiegen, wenn ich mein Gotti besucht habe", sagt Egli. "Eure Postauto-Haltestelle kenne ich darum bestens."

Es ist ein verregneter Freitagabend im Sommer, und Beatrice Egli, Metzgerstochter aus Pfäffikon im Kanton Schwyz, hat ein Heimspiel. "S’Schönschte für mich isch, dihei zsii, da i de Schwiiz, bi minere Familie und mine Fründe", sagt sie. Doch nicht nur zu Hause, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum wird Egli gefeiert: Seit sie vor über fünf Jahren, im Mai 2013, das Finale der zehnten Staffel von Deutschland sucht den Superstar (DSDS) gewann.

Keine andere Schweizer Musikerin ist zurzeit erfolgreicher als Egli.

Egal ob an einem Open Air wie in Wildhaus im Toggenburg oder an Solokonzerten in großen Städten: Der Schlagersängerin liegen die Fans zu Füßen. Am kommenden Sonntag startet ihre vierte Tournee. Sie wird eineinhalb Monate dauern und Egli wird große Konzerthallen in Basel und Zürich, Berlin und Wien füllen.

Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Mein Herz, es brennt, wenn ich dich seh
Auch wenn ich heut durch die Hölle geh
Mein Herz, es brennt so lichterloh
Will nur tanzen und dich sowieso

Mein Herz, es brennt, wenn ich dich seh
Ich red mir ein, dass ich nicht auf dich steh
Mein Herz, es brennt total verliebt
Ist schon klar, dass es kein Morgen gibt

Mein Herz, Eglis erste Single, wurde auf YouTube 22 Millionen Mal aufgerufen. Bei ihrer aktuellen Single Herz an steht der Zähler bei mittlerweile 5,3 Millionen Klicks. Schon vor anderthalb Jahren knackte Egli die Millionengrenze von verkauften Tonträgern. Ihre Facebook-Seite hat 550.000 Likes, auf Instagram folgen ihr 90.000 Leute. Zehntausende besuchen ihre Konzerte.

Vier Stunden vor ihrem Auftritt im Toggenburg sitzt Beatrice Egli entspannt im holzgetäfelten Restaurant des Seminarhotels Alpenrose oberhalb von Wildhaus, 1158 Meter über dem Meer. Ob sie ihre Rösti lieber mit Spiegelei oder mit Raclettekäse überbackt haben möchte, fragt der Kellner. "Am liebsten mit beidem", antwortet Egli.

Halbe Sachen sind nicht ihr Ding. Waren sie noch nie. Mit 14 beginnt Egli an Geburtstagen, auf Jahrmärkten und in Warenhäusern zu singen, begleitet von einem Freund ihres Vaters, der als Alleinunterhalter mit Keyboard durch die Schweiz tingelt. Gleichzeitig beginnt sie Gesangsunterricht zu nehmen. 55 Franken kostet die Lektion, fünf Franken beträgt ihr erster Stundenlohn in der Metzgerei. Heißt: Elf Stunden hinter der Theke, eine Stunde hinter dem Mikrofon. "Meine Eltern dachten, es würde vorbeigehen", sagt Egli. "Wie bei einem 14-Jährigen, der sagt, er wolle Astronaut werden."

Doch Eglis Traum bleibt die Bühne und ihre Welt der Schlager. Zwar hängen auch in ihrem Zimmer Poster der Kelly Family oder der Backstreet Boys. Echte Emotionen aber wecken andere: Als Teenager fährt sie mit ihrer Mutter an die Schlagerparade nach München, und als ihr Idol Michelle die Bühne betritt, beginnt Egli vor Aufregung zu weinen. "Der Schlager und ich, das war Liebe auf den ersten Ton."

Weil es die Eltern so wollen, beißt sie sich durch eine Lehre und wird Coiffeuse. In jeder freien Minute lernt sie Monologe auswendig, die bei Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen gefragt sind. Egli spürt: Wenn sie im Musikbusiness Karriere machen will, muss sie an ihrem Ausdruck und ihrer Bühnenpräsenz arbeiten, muss sie ihren Körper besser kennenlernen. Und um im Schlager Fuß zu fassen, muss sie perfekt Hochdeutsch singen können.

Aufgenommen worden wäre sie auch an Schauspielschulen in Berlin und München, aber Egli entscheidet sich für die "Schule für Schauspiel Hamburg". Mit 20 zieht sie in den Norden. Während der dreijährigen Ausbildung reist sie fast jedes Wochenende zurück in die Schweiz, um mal an dieser, mal an jener Hundsverlochete zu singen. Keine Einladung, die sie ausschlägt.