Mit der schwarzen Latzhose fing es an. Das war im Herbst vor zwei Jahren. "Serviceteam im Auftrag der BVG" stand darauf, und Andreas Metter freute sich, dass ihm sein Arbeitgeber, ein Subunternehmen der größten deutschen Nahverkehrsgesellschaft, zum ersten Mal überhaupt Dienstkleidung stellte. Seitdem putzt er darin Berlins U-Bahnhöfe. Die Enttäuschung kam bei der Unterschrift unter seinen achten befristeten Jahresvertrag. Darin fand sich ein neuer Passus: 30 Euro wurden Metter abgezogen, für die Hose.

Fast zehn Jahre arbeitete er damals schon bei der Gebäude- und Verkehrsmittelreinigung GmbH & Co. KG (GVR), einem Dienstleister, der für die Berliner Verkehrsbetriebe den Dreck wegmacht. Obwohl er nur circa 1.500 Euro netto verdient, hat Metter den Job gern gemacht. Doch mit dem Verhalten seines Arbeitgebers will er sich nicht länger abfinden.

Ohne die Arbeit würde die Berliner U-Bahn im Dreck versinken

Es scheint, als habe Metters Firma den Slogan aus dem zum Hit gewordenen BVG-Werbeclip wörtlich genommen: "Is mir egal." Für alle Firmen der Reinigungsbranche gilt ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag. Doch die GVR soll die Vorgaben seit Jahren systematisch missachten. Die Firma hat Andreas Metter nicht die vorgeschriebenen Sonntagszuschläge gezahlt, nicht den vorgeschriebenen Urlaub gewährt und soll das festgelegte Urlaubs- und Krankengeld gedrückt haben. Das belegen zahlreiche Lohnabrechnungen, Einsatzpläne, Arbeitsverträge und andere Dokumente, die der ZEIT vorliegen.

Ohne die Arbeit, die Metter und seine Kollegen machen, würde die Berliner U-Bahn im Dreck versinken. Besonders die als "Drogenexpress" berüchtigte U8, die sich von Wittenau im Norden bis zur Hermannstraße im Süden durch Berlin schlängelt. 24 Stationen, durch die Metter und seine Kollegen in den orangen Warnwesten Tag und Nacht ihre Putzwagen schieben, an 365 Tagen im Jahr, am Wochenende und an Feiertagen.

Rund um die Uhr wischen sie die Bahnsteige, kehren die Rolltreppen, leeren die Mülleimer, saugen die Gleisbetten – zwischen Jugendbanden an der Jannowitzbrücke, Junkies und Dealern am Moritzplatz und pöbelnden Fahrgästen am Hermannplatz. An normalen Tagen beseitigt Metter Urinlachen, Fäkalien und Drogenspritzen. Manchmal muss er auch tote Tiere wegräumen.

"Die Härte und Aggressivität, mit der die Beschäftigten eingeschüchtert werden, ist außergewöhnlich."
Jens Korsten von der Gewerkschaft IG Bau

Bis Mitte der Neunzigerjahre machte die BVG mit eigenem Putzpersonal sauber. Dann begann sie, die Jobs an Subunternehmen auszulagern. Mehr als ein halbes Dutzend Firmen ist derzeit engagiert. Ihnen winken regelmäßige Einnahmen. Die BVG schreibt die Aufträge europaweit aus, doch die Dienstleister wechseln kaum.

Trotzdem gelten klare Regeln: Das Arbeitsministerium hat den Rahmentarifvertrag und die Mindestlöhne der Gebäudereiniger schon vor Jahren für allgemein verbindlich erklärt. Doch die werden gern unterlaufen.

Die Vorwürfe gegen den BVG-Dienstleister sind brisant, weil die GVR das Spiel besonders dreist treiben soll: "Die Härte und Aggressivität, mit der die Beschäftigten eingeschüchtert werden, ist außergewöhnlich", sagt Jens Korsten von der Gewerkschaft IG Bau.

Versetzungen mit Verdiensteinbußen

In Andreas Metters Arbeitsvertrag verweist die Firma sogar auf den geltenden Mindestlohntarifvertrag. Er hatte keinen Grund, ihr zu misstrauen – bis vor zwei Jahren die Sache mit der Hose geschah und er vergangenen Herbst mit Kollegen von der Konkurrenz ins Gespräch kam.

Damals arbeitete Metter schon seit Jahren regelmäßig nachts und an den Wochenenden auf der U8. Er bemerkte, dass er für jede Stunde, die er sonntags geputzt hatte, eigentlich 75 Prozent Zuschlag hätte bekommen müssen. Stattdessen speiste die GVR ihn über Jahre mit einem viel geringeren Nachtzuschlag ab. Dies ist seinen Lohnabrechnungen zu entnehmen, die der ZEIT vorliegen. "Allein durch die nicht gezahlten Sonntagszuschläge sind mir etwa 10.000 Euro netto durch die Lappen gegangen", sagt er. Geld, das ihm auch bei seiner Rente fehlen wird.

Keine Zuschläge für die Arbeit am Wochenende

Kurz vor Heiligabend 2017 bekam er plötzlich Post von der Geschäftsleitung. Die GVR schrieb ihm, dass er "aus betrieblichen Gründen" in ein BVG-Verwaltungsgebäude versetzt werde. Weil er dort nicht mehr sonntags arbeitete, bekam er auch keine Zuschläge mehr. Nachfordern konnte er sein Geld nur für zwei Monate. Mehr ist laut Tarifvertrag nicht drin.

Fünf Kollegen von der U8 solidarisierten sich mit Metter. Auch sie schrieben Beschwerdebriefe und verlangten für zwei Monate rückwirkend ihr Geld. Auch sie wurden mit Verdiensteinbußen auf andere Stellen versetzt. Warum das betrieblich nötig war, will das Unternehmen der ZEIT nicht erklären. Bei anderen Mitarbeitern setzte sich der mutmaßliche Lohnbetrug offenbar nach dem gleichen Muster fort: Auch Metters Kollege Axel Riemer, der bis heute sonntags auf der U8 putzt, bekam dafür noch im Mai laut seinen Abrechnungen nicht die angemessenen, sondern niedrigere Zuschläge.

An den offenbar jahrelangen Verstößen seien die Mitarbeiter selbst schuld, teilt das Unternehmen mit: Sie hätten ihre Stundenzettel selbst führen und im Personalbüro einreichen müssen. Wegen verspäteter Abgabe hätten Sonntagszuschläge manchmal nicht gewährt werden können. "Wurden die Stundennachweise nachgereicht, wurde eine Korrektur vorgenommen."

"Weder ich noch meine Kollegen auf der U8 oder irgendeiner anderen U-Bahn-Linie haben in den letzten zehn Jahren jemals einen Stundennachweis geführt oder unterschrieben."
Andreas Metter

"Das ist gelogen", sagt Andreas Metter. "Weder ich noch meine Kollegen auf der U8 oder irgendeiner anderen U-Bahn-Linie haben in den letzten zehn Jahren jemals einen Stundennachweis geführt oder unterschrieben." Erst nachdem sie über den Jahreswechsel in ihren Briefen auf die gesetzliche Pflicht zur Dokumentation der Arbeitszeiten hingewiesen hätten, seien Stundenzettel aufgetaucht.

Die BVG ist von alldem überrascht: "Die Vorwürfe gegen die Firma GVR waren uns nicht bekannt." Derzeit prüfe man eine Stellungnahme des Dienstleisters zu den Vorwürfen. Sollten sie sich bewahrheiten, könne man den Vertrag kündigen und Schadensersatz verlangen.

Andreas Metter hat monatelang versucht, sich selbst zu helfen und mit Kollegen einen Betriebsrat zu gründen. Seit Juli ist das Vorhaben blockiert. Denn auch zwei Söhne der Geschäftsführerin, die im Betrieb angestellt sind, kandidierten für den Wahlvorstand und verhinderten so eine klare Mehrheit. Deswegen können nun vorerst keine Betriebsratswahlen stattfinden. Inzwischen hat Andreas Metter gekündigt.