Es war im März 2005, als mich Berthold Leibinger in seinem Büro in Ditzingen bei Stuttgart empfing. Ich wollte ihn dazu befragen, weshalb deutsche Mittelständler so erfolgreich bei der Globalisierung ihrer Geschäfte sind. Der damals 74-jährige Seniorchef und Gesellschafter des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf erklärte mir: "Wir sind halt alle Spezialisten." Die Kunden in aller Welt müssten sich darauf verlassen können, dass sie die besten Maschinen für ihre Zwecke bekämen. "Deshalb haben wir auch in Deutschland investiert." Er zeigte aus dem Fenster: Die Entwickler hatten mehr Platz bekommen, er verwies auf ein neues Kundenzentrum, die effiziente Montage und eine hochmoderne Laserfabrik auf dem Gelände.

Trumpf war einer der ersten deutschen Maschinenbauer, die eine eigene Produktion in den USA aufzogen und kräftig in den aufstrebenden asiatischen Ländern investierten. Man müsse sich dort engagieren, wo man seine Maschinen verkaufe, aber das müsse nicht zulasten der hiesigen Beschäftigten gehen, erklärte er in seinem näselnden Honoratiorenschwäbisch. Sein Credo war: Ein deutsches Unternehmen muss Produkte bauen, in denen mehr Wissen steckt als in denen der Konkurrenz, "wissensschwere Produkte" nannte er das. Aussagen wie diese sind bei mir haften geblieben.

Fleißig, zuverlässig, bescheiden, bildungsbewusst

Trumpf war da schon ein globalisiertes Unternehmen und ein hidden champion, also ein heimlicher Weltmarktführer auf seinen Spezialgebieten Blechbearbeitungsmaschinen und Lasertechnik. Damit erwirtschaftete das Unternehmen einen Milliardenumsatz. Leibinger hatte den Aufbruch der deutschen Maschinenbauer in die weite Welt angeführt. Einer Branche, die heute mehr Menschen in Deutschland beschäftigt als jede andere.

Dabei hatte Leibinger ganz klein angefangen. Er wuchs in einer pietistisch-protestantischen Familie in Stuttgart-Korntal auf. Die Pietisten sind tiefgläubig, gelten selbst im Schwabenland als besonders fleißig, zuverlässig, bescheiden, bildungsbewusst. Ausschweifungen sind bei ihnen verpönt, das Engagement in der Gemeinschaft ist selbstverständlich. Mit diesen Werten zog auch Berthold Leibinger ins Leben.

Seine Eltern rieten dem vielseitig begabten Sohn nach dem Abitur zu einer soliden Maschinenbauer-Lehre bei dem befreundeten Unternehmer Christian Trumpf, der eine kleine Maschinenbau-Firma besaß. Ein "Fabrikle", wie es im Schwabenland heißt. Leibinger folgte dem Rat und packte anschließend noch ein Maschinenbau-Studium obendrauf. Schon früh zeigte sich sein Talent als Tüftler. Danach ging der junge Ingenieur in die USA, die zu der Zeit als führend im Maschinenbau galten. Doch 1961 kehrte er, gegen den Rat seines amerikanischen Chefs, zurück zu Trumpf, als Leiter der Konstruktionsabteilung. Seine Patente, die er in den USA entwickelt hatte, tauschte er dort gegen eine erste Unternehmensbeteiligung ein. Nach fünf Jahren war er Geschäftsführer. Der Vater dreier Kinder kaufte mit weiteren Erfindungen dem kinderlosen Gründer später nach und nach sämtliche Trumpf-Anteile ab. Banken oder Fremdkapital holte er nicht in die Firma – die unternehmerische Unabhängigkeit war ihm zu wichtig.

"Neugier ist die Mutter der Fantasie."

Leibinger war ein Konservativer, Mitglied der CDU, aber keiner, der an alten Strukturen klebte. Neugier sei eine seiner wichtigsten Eigenschaften, hat er gesagt, denn "Neugier ist die Mutter der Fantasie". So hat er früh das Potenzial der Lasertechnik erkannt, machte deren Weiterentwicklung, etwa mit seinen Laserschneidemaschinen, zum zentralen Faktor für den Welterfolg seines Unternehmens.

Nicht nur technologisch dachte der begnadete Ingenieur voraus. Auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten ließ er sich etwas einfallen. Als einer der Ersten setzte er in Deutschland langfristig Arbeitszeitkonten durch, um Flauten zu überbrücken. Entlassungen waren ihm ein Gräuel. "Verantwortung über Generationen" zeichne ein familiengeführtes Unternehmen aus, sagte er wiederholt, das sei ein wichtiger Unterschied gegenüber großen managergeführten Aktiengesellschaften. Dieses Verantwortungsgefühl war tief verankert in seiner Persönlichkeit. "Man muss anständig mit seinen Mitarbeitern umgehen", hat er mir einmal gesagt, das zahle sich nicht nur für das Unternehmen aus, sondern vergrößere auch die Wertschätzung für Unternehmer in der Gesellschaft.