Drei gute Nachrichten, Schlag auf Schlag: In Berlin haben rund 240.000 Menschen für eine liberale, offene, friedliche Gesellschaft demonstriert.

In London sind 700.000 Menschen gegen den Brexit auf die Straße gegangen, fröhlich, ohne einen einzigen Zwischenfall, unter ihnen zahllose, die noch nie in ihrem Leben auf einer Demonstration waren.

Bei den Kommunalwahlen in Polen hat die liberale Opposition alle großen Städte erobert, nicht eine Metropole konnte die nationalkonservative Regierungspartei für sich gewinnen, obwohl sie einen betont aggressiven Wahlkampf geführt hat.

Drei gute Nachrichten, das ist noch keine Wende. Und doch: Vielleicht erleben wir gerade einen Moment, in dem sich etwas dreht, in dem die Mitte in ganz Europa aus der Defensive herauskommt und ihre Stimme wiederfindet.

Bei aller Vorsicht kann man auch die Wahlergebnisse in Bayern und die Umfragen für Hessen so deuten – jedenfalls für den Augenblick löst sich die Schockstarre, und es werden andere, optimistischere Entwürfe von Politik denkbar.

Nur einen Tag nach der Großdemo in Berlin haben die Bayern gewählt: nicht die Extreme, nicht die Polarisierung, sondern die Mitte. Die Wähler haben dafür gesorgt, dass ihr Land weiter stabil regiert werden kann. Zugleich haben sie den Regierenden in München und Berlin gezeigt, dass sie extrem unzufrieden sind mit deren Arbeit. Sie haben den Grünen ein sensationelles Ergebnis beschert und die AfD verhältnismäßig schwach gehalten.

Vor allem aber: Die Wählerinnen und Wähler sind in Massen an die Urnen gegangen, die Wahlbeteiligung lag bei 72,4 Prozent, ein Plus von fast zehn Prozentpunkten. Zum Vergleich: 2008 gingen nur 57,9 Prozent der Bayern wählen. (Der gleiche Trend übrigens in Polen: auch dort die höchste Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen seit 1989.)

Das heißt also: keine Politikverdrossenheit, keine Stärkung der Extreme, keine Schwächung der Demokratie, im Gegenteil. Ein ziemlich guter Befund.

Natürlich, damit ist noch kein Problem gelöst, es gibt keine Wohnung in einer Großstadt zusätzlich, die Pflegekräfte schuften immer noch am Rande des Burn-out. Ja, auch Trump bleibt Trump (siehe den nebenstehenden Leitartikel), Italien könnte den Euro in die nächste Krise stürzen. Und ein großer Anschlag, und der Anflug von Aufbruch wäre sofort wieder dahin. Es lassen sich immer tausend Gründe für Pessimismus finden, für Sorgen und schlechte Laune.

Gleichwohl, was sich da abzeichnet, was sich in Hessen fortsetzen könnte – es wäre ein Schritt heraus aus der düsteren Defensive. Aus dem ewigen Verteidigungsmodus, aus dem bloßen Reagieren auf Zumutungen von Populisten.

Und warum jetzt? Vielleicht, weil es einfach überfällig war. In London, weil es nur noch Wochen bis zum Brexit sind. In Polen, weil der wichtigste Wahlzyklus seit 1989 begonnen hat. In Berlin, weil ein ganzes Jahr verschenkt worden ist mit Koalitionsverhandlungen und brutalem Streit um Nichtigkeiten. Weil die Bürger sich jeden Tag abstrampeln, um ihr Leben in den Griff zu bekommen, und dasselbe endlich auch wieder von den Regierenden erwarten.

Weil die Agonie der großen Koalition nicht mehr zu ertragen ist. Weil die Frage "Was denn dann?" angesichts der Kollateralschäden des "Weiter so!" verblasst. Weil das langsam denkbare Ende von Merkel (und Seehofer) die politische Fantasie in Gang setzt.

Weil eine gewaltige Mehrheit in diesem Land keinen Rechtsruck will und schon gar keine Revolution, von der manche AfDler fabulieren.

Und noch etwas haben die Demonstrationen und Wahlergebnisse gezeigt: die Größenverhältnisse – auf der Straße und im Netz. Die Ränder sind laut, aber die Mitte sind viele.

Wie sagte der Schriftsteller Navid Kermani schon vor zwei Jahren in seiner Dankesrede für den Dönhoff-Preis? "Wenn Politik nicht vom Willen beseelt ist, den eigenen Kindern und Enkeln eine bessere Welt zu hinterlassen, dann wird sie richtungslos. ... Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung, niemals der Status quo."

Plötzlich gibt es tatsächlich wieder Aussicht auf Zukunft. Und sofort auch neue Begeisterung.

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