Der Auslöser der folgenden Geschehnisse ist rund, hohl und aus Eisen. Ungefähr 40 Zentimeter ragt das illegal verlegte Abflussrohr aus einem Balkonsockel über die Straße. Wenn der Automechaniker Toni den Balkonboden mit dem Schlauch abspritzt, leiden die Passanten. Auch den Bauarbeiter Yasser stört die Dusche mit Schmutzwasser. Als ihm Toni die Inspektion der Ursache verweigert, ersetzt Yasser das Ärgernis kurzerhand ohne dessen Erlaubnis durch einen fachgerechten Abfluss. Wutentbrannt zertrümmert Toni diese Arbeit mit einem Hammer. "Mein Balkon, mein Haus!", brüllt er später.

Da sind die Dinge längst außer Kontrolle geraten in Ziad Doueiris Spielfilm Der Affront, der im Beirut dieser Tage spielt und ein eindringliches Bild der libanesischen Gesellschaft zeichnet. Gleich zu Beginn des Films sieht man Toni begeistert bei einer Kundgebung der christlichen Partei Forces Libanaises, womit seine religiöse und politische Zugehörigkeit markiert ist. In beiläufigen Bemerkungen ("Das Leben ist heutzutage nicht immer leicht") und rasant montierten Bildern entsteht das Porträt einer hochexplosiven, gespaltenen Gesellschaft, in der die verschiedenen Bevölkerungsgruppen einander befehden, korrupte Abgeordnete mauscheln und die Regierung – wie jede andere auch – die politische Stabilität vor Ehrlichkeit setzt. Der Christ Toni ist gebürtiger Libanese, Yasser ist palästinensischer Flüchtling. Und so geht es im Konflikt zwischen den beiden nicht nur um die Eigenmächtigkeit eines Handwerkers, der Pfusch am Bau nicht tolerieren kann. Und auch um mehr als die Reaktion eines Mannes mit mangelnder Affektkontrolle – nämlich um historische Wunden, die der Film allmählich freilegt. Nachdem Yasser den hammerschwingenden Toni einen "Scheißkerl" genannt hat, lehnt Toni dessen Entschuldigung ab. Stattdessen beleidigt nun er Yasser, indem er ihm an den Kopf wirft, der einstige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hätte alle Palästinenser eliminieren sollen. Da schlägt Yasser zu.

Der Weg führt vor Gericht. Ziad Doueiri, 1963 in Beirut geboren, zeigt diese Instanz als Ort permanenter Vermittlungsversuche und damit der Hoffnung. Der Regisseur, der sein Handwerk unter anderem als Kameraassistent von Quentin Tarantino lernte, greift hier auf einen Streit zurück, den er selbst in Beirut mit einem Klempner hatte: Beide Männer verloren die Beherrschung; er selbst habe dabei praktisch dieselben Worte gesagt, die nun im Film fallen. Auf der Leinwand inszeniert er die Eskalationsstufen nah an den Figuren, ohne sie zu bloßen Repräsentanten ihrer Ethnie zu machen. Immer geht es Doueiri und seiner Co-Drehbuchautorin Joëlle Touma um ein Gewordensein in einem historischen Rahmen. Zentral sind dabei die Recherchen und Argumentationen der Anwälte der beiden Protagonisten – vor Gericht steht somit auch die politische Konfliktgeschichte einer Region. Wo jede Bemerkung auf die Goldwaage gelegt, jeder Blick, jede Geste, jedes Schweigen allzu schnell fehlgedeutet wird, kann alles die Identität eines Menschen angreifen.

Die beiden hitzköpfigen Männer sind letztlich auch Opfer: Toni als Überlebender des Massakers von Damur 1976, das von muslimischen Milizen an Christen verübt wurde, Yasser als Vertriebener und Flüchtling mit traumatisierender Lagererfahrung, der zudem wegen seiner palästinensischen Herkunft nicht seiner Ausbildung gemäß als Ingenieur arbeiten darf. Mit den beiden steht auch ein Männlichkeitsmodell des überzogenen Ehrbegriffs in der Kritik – ihre Ehefrauen Shirine (Rita Hayek) und Manal (Christine Choueiri) spielen hier eine wichtige Rolle als mögliche Korrektive von Gewaltbereitschaft und Paranoia.

Ziad Doueiri bereitet zwei hervorragenden Darstellern eine Bühne: Der Beiruter Comedian Adel Karam arbeitet Tonis cholerisches Wesen unmittelbar physisch heraus, der palästinensische Theater- und Filmschauspieler Kamel El Basha (auf dem Festival von Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet) ist ganz Yassers stille Wut. Bald ist der Konflikt größer, als die beiden je erwartet haben, spaltet nicht allein Familien, erfasst das ganze Land samt seinen Medien. Es kommt zum Schauprozess einer Nation: Bald brennen Autos auf den Straßen, wenden sich Palästinenser gegen Libanesen, Muslime gegen Christen.

Eine zentrale Szene zeigt, wie Yasser und Toni nach einem Termin bei Gericht gleichzeitig versuchen, die Türen ihrer nebeneinander geparkten Autos zu öffnen. Eine im Wortsinn verfahrene Situation. Der libanesische Bürgerkrieg endete 1990 nach 15 Jahren; danach wurden alle Beteiligten per Generalamnestie freigesprochen. Ziad Doueiri selbst nennt das "Generalamnesie". Begriffe wie Gerichtsthriller und Parabel lassen sich gewiss anwenden auf Der Affront. Und doch sind sie zu schematisch für dieses Filmkunstwerk von großer analytischer Kraft, das auf universelle Art davon handelt, wie unerlöste Geschichte in die Gegenwart hineinragt.

Anmerkung vom 26.11.2018: In der ursprünglichen Version hieß es, "Der Affront" bewerbe sich um den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film. Richtig ist, dass der Film 2018 nominiert war.