Im Moment seines größten Erfolgs, als Jubel ausbricht, als Konfetti von der Decke regnet und die Parteikollegen in die Höhe springen, senkt Robert Habeck den Kopf und schlägt die Hände vors Gesicht.

Es ist der 14. Oktober, der Tag der Landtagswahl in Bayern. Im Fraktionssaal der Grünen im Münchner Landtag laufen die ersten Hochrechnungen über den Bildschirm. Die einst so mächtige CSU sackt auf weit unter 40 Prozent der Wählerstimmen. Die einst so winzigen Grünen schwellen an auf fast 20 Prozent und werden zweitstärkste Partei – Rekord.

Zwei Wochen lang war der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck durch Bayern getourt, durch Bierzelte, Stadthallen und Landgasthöfe, hatte vor Bauern und Unternehmern gesprochen, vor Freunden und vor Gegnern.

Jetzt steht er hier, mit Konfetti im Haar, und man weiß nicht, ob er in diesem Moment erst begreift, was mit ihm und seiner Partei passiert – und wo das hinführen könnte.

Wenn es gut läuft für Habeck und seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock, gibt es am kommenden Sonntag den nächsten Rekord. Dann wird in Hessen gewählt. Dann könnten die Grünen laut aktuellen Umfragen 22 Prozent der Stimmen bekommen, so viele wie noch nie. Der Ministerpräsident und Merkel-Vertraute Volker Bouffier könnte stürzen – und mit ihm die Kanzlerin. Wenn es dann Neuwahlen in Deutschland gäbe, könnten die Grünen auch bundesweit zweitstärkste Kraft werden. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap sagen 47 Prozent der Deutschen, sie könnten sich prinzipiell vorstellen, bei der nächsten Bundestagswahl für die Grünen zu stimmen. 55 Prozent halten die Grünen für eine "Partei der Mitte", 22 Prozent glauben, es könnte nach der nächsten Wahl sogar einen grünen Kanzler geben. In Berlin warnen die Kommentatoren, die Führung der grünen Partei dürfe jetzt alles tun – nur nicht abheben.

Vier Tage nach der Bayernwahl, Habeck läuft durch die menschenleeren Straßen von Berlin. Es ist kurz vor Mitternacht, Habeck sieht fertig aus. Er kommt gerade aus der Talkshow von Maybrit Illner, wo er sich mit Alexander Dobrindt von der CSU gestritten hat, etwas zu laut und zu siegesgewiss. Vielleicht spricht er deshalb nun nicht von den guten Wahlprognosen, die aus ihm, dem einstigen Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, einen potenziellen Kanzlerkandidaten machen. Sondern von der schweren Schlappe, die er am Tag zuvor erlitten hat. Da war er mit seinen vier Söhnen beim Pokalspiel seines Handballvereins SG Flensburg-Handewitt gegen den SC Magdeburg. Es ging nicht gut aus, 31:28 für Magdeburg. "Leider verdient", knurrt Habeck.

Jeder sucht sich die Niederlagen, die er braucht.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Boom der grünen Partei sei spontan gestartet, wie ein Reflex, ausgelöst von den Eruptionen, die das bundesdeutsche Parteiensystem in den vergangenen Monaten erschüttert haben: die drohende Spaltung der Unionsparteien. Der Sturzflug der Sozialdemokraten. Das Erstarken der AfD. Tatsächlich aber folgt der Aufstieg einem Plan, der ersonnen wurde, lange bevor sich die Ereignisse im politischen Berlin zu überschlagen begannen.

Anfang April, in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Es sind weit über 20 Grad, die Tische stehen draußen. Noch ahnt niemand, dass es sich nicht bloß um einen außergewöhnlich warmen Frühlingstag handelt, sondern um den Beginn eines nicht enden wollenden Sommers, so heiß und trocken, dass das Kernthema der grünen Partei, die Klimapolitik, bald zu einem Thema des ganzen Landes werden wird.

Habeck erklärt seinen Dreijahresplan. Der zielt darauf, die Grünen bis zum regulären Ende der Legislaturperiode im Jahr 2021 zur zweitstärksten Partei des Landes zu machen. Er will die SPD überholen und die Grünen zu einer Partei der Mitte formen, zu einer Art linksliberalen Volkspartei. Dafür, sagt er, müsse in einem ersten Schritt die zerstrittene Partei zusammengeführt und der ewige Konflikt zwischen Realos und Radikalen beigelegt werden. Nicht durch Kompromisse, nicht durch die Zähmung der Radikalen, die von den anderen oft kleingeredet wurden, sondern durch eine Umdeutung des Radikalitätsbegriffs selbst: "Radikal ist das neue Realistisch", so lautet fortan das Motto. In ihren Programmentwürfen wollen die Grünen nicht nur kleinere Schweineställe, sie wollen, dass jeder Bauer nur so viele Tiere hält, wie er mit seinen eigenen Ackerflächen ernähren kann. Sie fordern nicht, dass große Internetkonzerne wie Facebook mehr Steuern zahlen. Sie fordern deren Zerschlagung.