Besuch in der Parteizentrale, Ende August. Baerbock sitzt in ihrem Büro, das sie sich mit Robert Habeck teilt.

Frau Baerbock, radikal sein und gleichzeitig regieren – geht das?

"Regieren ist radikal", sagt sie.

Das ist das Gegenteil dessen, was viele ältere Grüne, die ihre Wurzeln in den Nachfolge-Sekten der 68er hatten, jahrzehntelang predigten: Nur wer seine Radikalität ablegt, hat politischen Erfolg. So haben es etwa Joschka Fischer, der militante Sponti, und Winfried Kretschmann, der ehemalige K-Grüppler, erlebt. Je mehr sie sich anpassten, je bürgerlicher sie wurden, desto mächtiger wurden sie, desto mehr konnten sie das Land gestalten. Und da man aus seinen Fehlern leicht lernen kann, aus seinen Erfolgen aber nur schwer, erhoben sie ihre persönliche Erfahrung zum Dogma der Partei. Fortschritt durch Anpassung. Eines durfte dabei jedoch auf keinen Fall passieren: Probleme, ökologische etwa, durften nicht so groß werden, dass nur noch radikale Lösungen greifen.

Annalena Baerbock ist weit entfernt von der missionarischen Staatsfeindlichkeit, die Joschka Fischer oder Winfried Kretschmann in ihren frühen Jahren zeigten. Mit Robert Habeck ist sie im Sommer durch Deutschland gereist, das Motto der Tour war der deutschen Nationalhymne entlehnt: "Des Glückes Unterpfand". Das Ziel war die Rückeroberung des Heimatbegriffs, der bislang vor allem in rechten Milieus verfängt.

Habeck und Baerbock gelten als Realo-Spitze. Doch wenn überhaupt, sind sie Realos eines neuen Typs. Sie kennen die Vergangenheit ihrer Partei, aber sie wollen sich davon "nicht kirre machen lassen", so formuliert es Baerbock. Deshalb reden sie nicht über Flügelkämpfe und auch nicht über längst vergangene Pannen, über den Veggie-Day zum Beispiel, mit dem sie den Deutschen einen fleischfreien Tag pro Woche verordnen wollten und der von vielen als Bevormundung verstanden wurde. Sie erinnern stattdessen an jene, die schon vor Jahren versuchten, aus den Grünen eine Volkspartei zu machen.

An einem kühlen Oktobermorgen schreitet Robert Habeck über den frisch geharkten Kies des Friedhofs in Waging am See. Vor einem Grab mit dem Relief von Alfred Dürers Betenden Händen bleibt er stehen. Hier ruht Sepp Daxenberger. Eine legendäre Figur der Grünen.

Daxenberger war Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Ein Bauer, der ein so derbes Bairisch sprach, dass einige Parlamentskollegen ihn nicht verstanden. Einer, der keinen Studienabschluss hatte und stolz darauf war. Ein Menschenfänger, einer, der Tracht trug und seine Heimat liebte, einer, der sogar der übermächtigen CSU gefährlich wurde – und irgendwann der erste grüne Bürgermeister im konservativen Freistaat Bayern. Als Daxenberger im Jahr 2010 an Krebs starb, im Alter von nur 48 Jahren, druckten sämtliche große Zeitungen einen Nachruf.

Habeck legt die Hände übereinander und blickt auf das Grab. Neben ihm steht Daxenbergers Sohn, ein junger Mann mit Bart und Lodenjacke. Der taucht einen Thujazweig in Weihwasser und betröpfelt damit das Grab. Habeck sagt: "Als Sepp Daxenberger gestorben ist, war er so alt wie ich jetzt. Ich dachte immer, man stirbt halt, wenn man stirbt. Nun denke ich: Ich kann jetzt nicht sterben. Es geht doch jetzt um was." Habeck hält kurz inne und fragt: "War das jetzt zu pathetisch?" Der alte Daxenberger hätte vermutlich gesagt: Ja.