Anfangs roch das Thema noch ein wenig nach Sommerloch: Im August hatte CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer vorgeschlagen, doch einmal einen Gemeinschaftsdienst für junge Leute zu diskutieren. Doch schon wenig später wurde es handfester: Mitte September hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Sozialverbände zum Austausch in sein Ministerium eingeladen, um die Möglichkeiten einer Dienstpflicht zu diskutieren, die – Zitat aus dem Anschreiben – mit dazu beitragen könnte, "den Zusammenhalt in der Gesellschaft zwischen den Generationen zu stärken".

2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, auch der ersatzweise geleistete Zivildienst war damit vorerst am Ende. Müssen sich Abiturienten nun darauf einstellen, dass sie demnächst alle zum Dienst an der Gesellschaft herangezogen werden, junge Männer genauso wie junge Frauen?

Kurzfristig gesehen: wahrscheinlich nicht. Mittelfristig gesehen: wahrscheinlich ja.

All jene, die nächstes oder übernächstes Jahr die Schule verlassen, dürften nicht betroffen sein, zu lange dauern derlei Entscheidungsprozesse. Anders lautet die Prognose, richtet man den Blick auf das Jahr 2020 und darüber hinaus. Denn das Interesse des Gesundheitsministers ist so groß wie die sozialpolitische Brisanz: Es herrscht Fachkräftemangel in vielen Krankenhäusern und Heimen, verschärft durch das Ausbleiben von einst jährlich mehr als 60.000 Zivildienstleistenden. Der bestehende Bundesfreiwilligendienst oder das Freiwillige Soziale Jahr können sie nicht kompensieren. All das macht eine Dienstpflicht politisch so verlockend.

Aber wäre das schlimm? Alle diejenigen jungen Leute, die nie auf die Idee kämen, sich freiwillig zu engagieren, könnten von einer Pflicht profitieren. Indem sie Einblicke in Berufe und Lebenswelten bekämen, die sie sich nie hätten vorstellen können. Indem sie gezwungenermaßen Zeit gewönnen in einer Zeit beschleunigter Bildungsbiografien. Indem sie erführen, wie erfüllend es sein kann, sich für andere einzusetzen. Viele, die seinerzeit den "Zivi" etwas widerstrebend angetreten haben, mochten ihn später nicht mehr missen. Die persönliche Entwicklung der Dienstleistenden und der, siehe oben, "gesellschaftliche Zusammenhalt" sind gute Argumente für eine Dienstpflicht.

Wenn die jungen Menschen dabei nicht nur als vermeintlich günstige Lückenbüßer angesichts der Personalnot missbraucht werden, ohne die nötige Anleitung und Betreuung. Die Politik hat es in der Hand.