Eine eher unbedeutende Staatssekretärin des Landes Berlin hat ihren Facebook-Zugang abgeschaltet. Die Sache wäre also nicht weiter erwähnenswert, es sei denn, Sie machen sich wie ich gelegentlich Sorgen darum, wie das Selbstgespräch unserer Gesellschaft in Zukunft funktionieren soll. Und damit letztlich unsere Demokratie. Ob ich es nicht etwas kleiner habe? Nein, gerade nicht.

Die Staatssekretärin, die ihren Facebook-Account deaktiviert hat, heißt Sawsan Chebli. Als Stimme im Netz hat sie für mich und viele andere eine Bedeutung erlangt, die über ihre bisherigen Ämter hinausweist. Ihre Familie ist aus dem Libanon gekommen, mit zwölf Geschwistern wuchs sie in Berlin auf, studierte, begann eine Karriere in der SPD, war stellvertretende Sprecherin im Auswärtigen Amt.

So bemerkenswert wie Sawsan Cheblis Lebenslauf sind manche ihrer Statements auf Twitter und Facebook: Sie ist eine eher konservative Muslimin und beteiligt sich leidenschaftlich an der #MeToo-Debatte. Ihre Eltern stammen aus Palästina, und sie kritisiert den zunehmenden Antisemitismus. Cheblis vermeintliche Widersprüche provozierten stets harschen Widerspruch, für ihre Statements erhält sie große Mengen hasserfüllter Nachrichten und Kommentare, darunter viele Todesdrohungen.

Der größte Widerspruch dieser Sawsan Chebli war aber vielleicht, dass sie noch so groteskes Feedback stets in Kauf zu nehmen schien und mit sichtlicher Freude provozierte. Eine goldene Online-Regel schien für sie außer Kraft gesetzt: "Don’t feed the trolls", "füttere die Trolle nicht", lege dich nicht mit all jenen an, die nicht an einer Debatte interessiert sind, sondern nur stören wollen.

Nun war es wohl ein Widerspruch zu viel: Ein vier Jahre altes Foto, das Chebli mit einer Rolex-Uhr zeigt, gepostet von einem Facebook-Nutzer, provozierte die nächste Hasswelle – wie so oft verstärkt von den klassischen Medien, die beginnende Shitstorms dankbar aufgreifen und so erst groß machen: "Dürfen Sozis Rolex tragen?" Hashtag: #uhrengate. Bei einer Diskussion im Bundesrat zum Einfluss des Netzes auf die Politik erklärte Chebli nun, dass sie ihren Facebook-Account deaktiviert habe. Die Menge von Hassbotschaften sei nicht mehr zu bewältigen.

Was hat das mit der Zukunft der Demokratie zu tun? Wenn die Generation, die mit den Online-Foren aufgewachsen ist, sie wie keine zuvor versteht und virtuos für sich zu nutzen weiß, ihnen zunehmend den Rücken kehrt, wird es Zeit, sich um das Selbstgespräch unserer Gesellschaft Sorgen zu machen. Das Netz ist einer der wenigen Orte, an dem es noch stattfinden kann, weil es die Vielfalt der Gesellschaft repräsentiert und allen eine Stimme gibt. Das Fernsehen erreicht vor allem Alte und hat keinen funktionierenden Rückkanal. Die übergreifenden gesellschaftlichen Institutionen – Parteien, Vereine und Kirchen – verlieren Mitglieder.

Der offene Rückkanal war für alle Formen der entkörperlichten digitalen Kommunikation schon immer zugleich Feature und Fluch: Es entsteht ein Ort, an dem Menschen sich frei und gleich austauschen können. Leider erhalten auch die Schreihälse eine Stimme und können den zivilen Diskurs der vielen übertönen. Facebook, die mit Abstand erfolgreichste Kommunikationsplattform der Welt, könnte unter dieser Last zusammenbrechen. Nicht nur viele Politiker haben sich wie Sawsan Chebli privat von Facebook verabschiedet und nutzen das Angebot höchstens als PR-Plattform. Auch Sophie Passmann, 24 Jahre alt und eine der tonangebenden politischen Influencerinnen, die in dieser Ausgabe über die SPD schreibt, hat Facebook deaktiviert. Twitter, das in Deutschland nur recht wenige Menschen erreicht, gilt vielen als gerade noch erträglicher Rückzugsraum, weil Hassnachrichten dort leichter zu ignorieren sind.

Wer vielfältige und wertschätzende Debatten sucht, findet sie seit einiger Zeit versteckt auf einer Plattform, die eigentlich einmal dafür gedacht war, Bilder mit Filtern aufzuhübschen und sie mit Freunden zu teilen: Instagram.

Vielleicht ist es Zeit, etwas ganz Neues zu erfinden. Wie sollen wir uns in Zukunft im Netz für ein gutes Streitgespräch verabreden? Haben Sie eine Idee? Schreiben Sie mir: jochen.wegner@zeit.de