Ihren Charakter als Mutprobe haben die Donaueschinger Musiktage, seit sie 1921 als Uraufführungsort avantgardistischer Kompositionen entstanden, nicht verloren. Die Herausforderung liegt aber weniger dort, wo sie der untrainierte Hörer vermuten möchte, also etwa im Test auf die Fähigkeit, Dissonanzen und Geräuschgewitter mit Würde hinzunehmen. Die Einschüchterung geht nur noch selten von der Musik aus, auch wenn es den eher klassikgewohnten Konzertgänger fraglos anstrengt, musikalische Vorgänge jenseits des vertrauten Harmonierahmens zu identifizieren. Doch das Konzert für Reiseschreibmaschinen und Orchester, das die Schwedin Malin Bång so bemüht unter dem Titel splinters of ebullient rebellion anbietet und auf politische Internetdiskurse bezogen haben will, ist in Wahrheit nur das, was der Besucher hört und sieht: ein Konzert für Schreibmaschinen und Orchester, und zwar ein höchst lustiges, manchmal auch erschreckendes, wenn das Tastaturgeklapper vom Schlagzeug aufgegriffen und ins Dämonische getrieben wird. Die Töne kennt man nicht, aber die Struktur hat etwas von klassischem Ballett und Doppelkonzert.

Und erst recht das virtuos polyphone Stück mit dem Titel Rundfunk, das Enno Poppe für neun Synthesizer komponiert hat, ist zwar rein elektronische Musik, aber doch eine Sinfonie in drei Sätzen, tonal beginnend mit einer Folge ähnlicher Intervalle, die sich allmählich drei- und vierstimmig, phasenweise sogar neunstimmig übereinanderschichten und an den Chorgesang einer Klingelanlage im Hochhaus erinnern. Es gibt ein terroristisches Intermezzo, mit Maschinengewehrfeuer, eingetretenen Türen und einstürzenden Decken, doch zum guten Ende erstrahlt ein Orgelchoral mit orgeltypischen Figuren von Fuge und Passacaglia. Man ist erschöpft, aber amüsiert.

Diese Musik lässt sich erleben, als Film oder als Bruckner-Parodie, hat anekdotischen Reiz und schüchtert nicht ein. Anders verhält es sich mit den Mienen im Publikum. Hat da irgendjemand gelacht oder nur für Sekunden den Ausdruck äußerster Andacht aus seinem Gesicht weichen lassen? Der unerbittliche Kunsternst ist das Einschüchterungspotenzial von Donaueschingen. Es ist der Stamm von Kennern und Gralshütern der Neuen Musik, vor denen sich nicht nur die laienhaften Besucher, sondern auch die Komponisten fürchten. Professoren sitzen im Parkett, greise Kritiker, andere Komponisten, Konkurrenten, Neider, Pioniere der experimentellen Moderne mit präzisen Vorstellungen vom Erwünschten. Die Szene hat vor fünfzig, sechzig Jahren eine Kultur des Forderns und Verbietens (keine tonalen Rückfälle, keine anekdotisch fassbaren Verläufe) entwickelt, die so schnell nicht verblasst.

Verspieltheit, erst recht Humor stehen unter dem Verdacht der Frivolität, wenn nicht schenkelklatschender Bierkeller-Unterhaltung aus Nazi-Tagen, die man mit Adorno so radikal wie möglich aus der Musik vertreiben wollte. Um sich darum nicht zu scheren, muss man so etabliert und berühmt wie Péter Eötvös sein, der als Eröffnungsstück ein Duett für zwei Bratschen beigesteuert hat, das als Hommage an Bernd Alois Zimmermann, seinen Lehrer, gedacht ist und mit dessen Verehrung für Frescobaldi spielt. Da kämpfen nun die barocke Kontrapunktik und die unversöhnten Dissonanzen der Neuen Musik miteinander, und dreimal darf man raten, ob dabei Zimmermanns heimliche Sehnsucht nach der Alten Musik plausibel wird.

Selbstverständlich nur in der Satire. Gleichwohl lässt sich das Stück, ebenso die zuvor genannten und erst recht Rolf Wallins Parodie eines Klavierkonzertes, als Beleg anführen, dass Witz und Selbstironie in die Neue Musik eingezogen sind. Wallins Parodie trägt den Titel Seven Disobediences, es sind die Ungehorsamkeiten des Orchesters, das dem Klaviersolisten nicht folgen will, quasi in Umkehrung des klassischen Musters, das den Solisten als heroischen Widerpart des Ensembles inszenierte. Hier revoltiert das Orchesterkollektiv, basisdemokratisch wie in Fellinis Orchesterprobe und mit Anklängen an Haydns Abschiedssinfonie Auch bei Wallin verlassen die Musiker nacheinander ihre Instrumente, wenden sich aber frech dem Klavier zu, das sie wie einen Käfer untersuchen und betasten.