DIE ZEIT: Herr Trautwein, immer mehr Schüler klagen über hohen Druck und Stress rund ums Abitur. Jammern die nur, oder ist da was dran?

Ulrich Trautwein: Die Abiturienten empfinden tatsächlich einen hohen Druck. Studien zeigen, dass etwa in Baden-Württemberg fast 30 Prozent der Befragten der Aussage "Der Druck in der Schule ist zu hoch" zustimmen. Trotzdem sollte man die Kirche im Dorf lassen. Zuschreibungen wie "Nie war der Druck höher" stimmen schlicht nicht, sie sind zu ungenau. Es gibt keine verlässlichen Daten, die sagen: Der Druck ist tatsächlich über die Jahrzehnte hinweg gestiegen. In den 1960er-Jahren, vor der großen Abiturreform, war die Abiturprüfung objektiv gesehen "stressiger" als heute: Es wurden mehr Fächer geprüft, und das innerhalb weniger Tage.

ZEIT: Aber?

Trautwein: Das Stressempfinden eines Abiturienten wird nicht allein von objektiven Fakten ausgelöst. Wir müssen das Abitur als Gesamtpaket sehen. Als wie stressig dieses Paket erlebt wird, hängt von vielen Faktoren ab, manche haben sich tatsächlich verschärft.

ZEIT: Welche denn?

Trautwein: Wir leben heute in einer Leistungsgesellschaft, die permanent und in allen Bereichen von uns verlangt, uns selbst zu optimieren.

ZEIT: Abiturienten stehen also unter dem Druck, stets alles zu geben?

Trautwein: Nicht nur Abiturienten, sondern wir alle, also auch die Eltern der heutigen Schüler, die das Selbstoptimieren durchaus vorleben. Abiturienten sind nicht nur in der Schule mit Druck konfrontiert, sondern in allen Lebensbereichen.

ZEIT: Betrachtet man allein die Schule: Was erzeugt dort Druck?

Trautwein: Die Abiturnote entscheidet über den Zugang zur Hochschule, Aufnahmetests spielen eine deutlich nachgeordnete Rolle. Das ist schon für sich allein ein Stressfaktor, extrem kann es aber werden, wenn man auf einen Wunschstudiengang fixiert ist, für den man sehr gute Noten benötigt.

ZEIT: Dann stresst die Jagd nach Spitzennoten besonders?

Trautwein: Stress kann durchaus leistungsfördernd sein. Eine unserer Studien zeigt, dass das Gefühl "Ich muss mich jetzt anstrengen" die Schüler wirklich lernen lässt. Aber wenn das Abitur und seine Anforderungen als unkontrollierbar und überfordernd erlebt werden, entstehen negative Gefühle, die die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden negativ beeinträchtigen.

ZEIT: Das Abitur ist ja unkontrollierbar!

Trautwein: Jein. Bin ich gut vorbereitet, erlebe ich die Situation nicht als unkontrollierbar. Anders ist es, wenn ich mit dem Lernen hinterherhinke oder das Gefühl habe, mein Fachlehrer bereitet mich oder die Klasse ungenügend vor.

ZEIT: Wie wirkt sich das achtjährige Gymnasium darauf aus?

Trautwein: Zumindest anfangs haben Schüler in den alten Bundesländern tatsächlich von mehr Stress berichtet. Dagegen scheint das Stressempfinden in den ostdeutschen Bundesländern, die traditionell das achtjährige Gymnasium haben, unauffällig zu sein. Das zeigt erneut: Neben objektiven Faktoren kommt es auf die Verarbeitung der Anforderungen an.