Yvonne Scheer könnte jetzt endlich mal wieder zocken. Unten in der Eingangshalle, wo ein junger Typ im schwarzen Hoodie mit einer Plastikwaffe herumfuchtelt, eine Virtual-Reality-Brille vor den Augen. Oder ein Stockwerk darüber, wo die Kids mit den Pokémon-Masken Super Smash Bros. daddeln. Rund 80.000 meist junge Menschen besuchten am vergangenen Wochenende* die Game City am Wiener Rathausplatz, eine Mischung aus Computerspielmesse und Volksfest. Hersteller bewerben hier ihre neuesten Spiele, Besucher im Super-Mario-Kostüm holen sich Burger am Foodtruck, auf der großen Bühne duellieren sich die besten Konsolen-Spieler des Landes. Ein Schlaraffenland für Computerspiel-Nerds. Aber Yvonne Scheer ist nicht einfach nur eine Gamerin. Sie soll jetzt auch ein Vorbild sein. Und Vorbilder haben eine Menge zu tun.

Etwas abseits des Trubels, in einem holzgetäfelten Saal im Seitenflügel des Rathauses, steht Scheer hinter einem Pult. Der Moderator hat sie und ihren Vortrag zu E-Sports und Frauen in der Gaming-Szene schon angekündigt, aber die PowerPoint-Präsentation zickt, ein Klassiker, selbst auf Fachtagungen von und für Computerspezialisten. Scheer, leger gekleidet, lächelt die Situation weg, sie gewöhnt sich langsam an die Auftritte vor Publikum. An diesem Tag zuvor hat sie ihre erste Pressekonferenz gegeben, am diesem Tag brachte sie schon ein Fernsehinterview und ein Fotoshooting hinter sich. "Das ist alles ziemlich crazy", sagt sie, "mit so viel Resonanz hätte ich nicht gerechnet." Es ist eine Menge eingeprasselt auf die 27-jährige Grazerin, seit sie im Sommer zur Genderbeauftragten von Österreichs E-Sports-Verband ernannt wurde.

Weltweit ist die Disziplin längst in der Mitte der digitalen Jugendkultur angekommen. Das IOC diskutiert sogar, ob E-Sports bald olympisch werden soll. Der österreichische Verband versucht derweil, die eigene Gaming-Szene zu professionalisieren, damit auch sie profitiert vom Boom, der Österreich noch nicht voll erfasst hat. Die Zeichen stehen aber auf Wachstum: Der Telekom-Konzern A1 hat eine eigene Liga auf die Beine gestellt und plant mit den Privatsendern ATV und Puls4 Fernsehübertragungen. Trendbewusst finanziert Red Bull Veranstaltungen wie die Planet One im November in Wien und unterhält in Deutschland auch ein eigenes Team. Immer mehr Sponsoren springen auf, die Preisgelder steigen. Wie viel Geld die Firmen in E-Sports stecken, bleibt zwar ein Firmengeheimnis, A1 meint aber: "E-Sports ist ein kommendes Massenphänomen und damit für uns als Werbeplattform interessant."

Auf der Game City in Wien lässt sich das Phänomen live beobachten. Der österreichische E-Sports-Verband hat ein riesiges Turnier in Fortnite organisiert, dem Tetris unserer Zeit. 125 Millionen Menschen spielen das Computerspiel, es ist so populär, dass Frankreichs Stürmer-Star Antoine Griezmann ein Tor im WM-Finale im Fortnite-Stil bejubelte: Er legte eine charakteristische Tanzpassage ein wie das virtuelle Alter Ego im Spiel. Spätestens seit es eine Smartphone-Version davon gibt, spielen auch viele Mädchen und Frauen.

In der langen Schlange vor der E-Sports-Arena, einer Art Festzelt am Wiener Rathaus, hingegen: Fehlanzeige. Als die Helfer den Eingang freigeben, sprinten ausschließlich Jungs zu den 120 Monitoren, die dort aufgebaut sind. Der Hauptgewinn: ein Wochenende in einem Luxushotel inklusive Begleitung.

Profi-Gamer würden dafür gar nicht erst antreten. Der Fortnite-Hersteller stattete seine Turnierserie in dieser Saison mit insgesamt 100 Millionen Dollar Preisgeld aus. Den Weltrekord für ein einzelnes Turnier hält seit August das Spiel Dota 2. In Vancouver füllten 20.000 Menschen die Rogers Arena und verfolgten auf dem Videowürfel, wie 18 Teams um 25 Millionen Dollar Preisgeld zockten. Es sind goldene Zeiten für Computer-Nerds: Profi-Gamer, das ist mittlerweile ein legitimer Berufswunsch, wie Influencer oder YouTuber.

Nun soll Yvonne Scheer dafür sorgen, dass an diesem Massenphänomen auch Frauen teilhaben. Bisher spielt sich E-Sports in einer männerdominierten Szene ab, in der Gamer-Girls oft belächelt oder im schlimmsten Fall gemobbt werden. Warum das so ist, dazu haben viele Wissenschaftler Theorien entwickelt. Fest steht aber: Frauen bleiben noch Außenseiterinnen in dieser Macho-Welt, selbst wenn sie wie Yvonne Scheer mehrfache Staatsmeisterin in Call of Duty sind. Das ist ein First-Person-Shooter, also ein Computer-Game, das in aufgeregten Medien gern als "Ballerspiel" bezeichnet wird.

Scheer geht es ein bisschen so wie einer Boxerin: Dem Klischee nach passen die bluttriefenden Schießorgien so gar nicht zu Frauen, schon gar nicht zu der zierlichen, stets freundlichen Yvonne Scheer, die sich wie alle in der Szene einen Alias-Namen zugelegt hat: Miss MadHat, nach einer Figur aus Alice im Wunderland. Das Klischee trügt natürlich. Befragungen zeigen, dass weibliche Gamer in Spielen genauso gern virtuell killen wie ihre männliche Pendants. Die "zarte" Frau am Abzug – nur ein Vorurteil von vielen. "Wenn eine Frau gut spielt, muss sie hässlich sein – und wenn sie gut aussieht, kann sie nicht spielen", referiert Scheer die vorherrschende Meinung. "Es geht auf jeden Fall immer ums Aussehen."

*Anm. d. Red.: Die Veranstaltung fand vom 19. bis 21. Oktober 2018 in Wien statt.