Das deutsche Nachkriegsliteraturwunder ist nicht zu Ende, solange Hans Magnus Enzensberger (88) und Martin Walser (91) noch schreiben. Ein echtes Desiderat ist in beiden Fällen: eine literarische Autobiografie, wie Günter Grass sie mit seinem Roman Beim Häuten der Zwiebel hinterlassen hat. Ersatzweise ließ sich Martin Walser von seinem spät gefundenen Sohn Jakob Augstein in einem Gesprächsbuch (Das Leben wortwörtlich) befragen. Hans Magnus Enzensberger bequemte sich bisher nur zu einem Band (Tumult), in dem er in gewohnt kurz angebundener Manier einiges von seiner zweiten Ehe mit der Russin Mascha und seinen Aufenthalten in der Sowjetunion, den USA und Kuba in den Sechzigerjahren preisgab. Für eine umfassende Selbstdeutung erklärte sich der Kurzstrecken-Weltmeister bisher für unzuständig. Innenschau und feuchtlippige Privatissima seien ihm nun mal suspekt. Der Mythos von der Unberührbarkeit des großen HME, von seinem quecksilbrigen, spielerischen Wesen, das alles Schwere leicht und alles Bedeutende nebensächlich erscheinen lässt, gehört nicht umsonst zum traditionellen Repertoire der Enzensberger-Exegese.

Und der Mythos hat ja recht. Hans Magnus Enzensberger war und ist die beste deutsche Antwort auf die Geschmeidigkeit und den Esprit der Franzosen. Neben der Lyrik ist der geistreiche Essay, das wie zufällig gefundene, unverbissene Aperçu sein natürlicher Lebensraum. Alles andere wäre für diesen Strategen der ständigen Selbstneuerfindung eine Geschmacksverirrung.

Umso erstaunlicher ist dieses kleine autobiografische Buch. Eine Handvoll Anekdoten, mehr benötigt Enzensberger nicht, um die Essenz seiner ersten zwanzig Lebensjahre in über hundert reich bebilderten Kurztexten wiederaufleben zu lassen. Geboren am 11. November 1929, kurz nach dem großen Börsencrash ("die Notierungen fielen am selben Tag um durchschnittlich fünfzig Punkte"), aufgezogen von einer lebensreformbewegten Mutter und einem Vater, der sich nach dem "wie mit der linken Hand erledigten" Dienst als Fernmeldetechniker im stillen Kämmerlein der Verbesserung des Kursbuches der deutschen Reichsbahn widmete, verbrachte der älteste von vier Söhnen eine sorgenfreie Kindheit – überdurchschnittlich ausgestattet mit diversen Tretrollern, Werkzeugkästen, Chemielaboren, Dampfmaschinen und Modelleisenbahnen. Auch intellektuell litt die Familie im Zweiten Weltkrieg keinen Mangel: Der Vater übersetzte für den Hausgebrauch "mehr als ein Dutzend Romane, Erzählungen und Essays" aus dem Englischen. Der älteste Sohn las bereits mit fünf Jahren allerhand Bücher aus der väterlichen Bibliothek, um seinen Ärger über die sogenannten Kinderbücher zu vergessen, die seiner Ansicht nach diesen Namen kaum verdienten, weil sie in wenigen Minuten ausgelesen waren – eine "Verknappung des Vergnügens", hinter der dieser skeptische Fünfjährige bereits die betrügerische Absicht habgieriger Verleger vermutete. Kurz darauf wurde der Knabe beim Diebstahl eines englisch-deutschen Wörterbuches erwischt. Die Eltern nahmen es gelassen. Die Verständigung mit fremden Völkern könne nicht den Reichen vorbehalten sein. Der zweite Versuch gelang.

Die Familie überstand das "Dritte Reich" in der inneren Emigration, obwohl der Vater sich zum Parteieintritt genötigt sah und in seiner Eigenschaft als Telefontechniker zu den deutschen Okkupanten im Pariser Hotel Majestic gehörte. Sein Sohn, der später dichten wird: "In der Zeit des Faschismus / wusste ich nicht, dass ich / in der Zeit des Faschismus lebte", berichtet nun von besoffenen Besuchern der Nürnberger Reichsparteitage, die sich abends in den Sandkästen erleichterten. Vom Dienst in der Hitlerjugend wegen seiner zahlreichen Abwesenheiten suspendiert, verbrachte der künftige Autor seine Nachmittage in voller HJ-Montur in der Nürnberger Stadtbibliothek. Das Porträt des Dichters als junger Mann vervollständigt sich durch die Erinnerungen an den 16-jährigen Schwarzhändler mit NS-Devotionalien und Kuckucksuhren nach 1945 (im "Zweireiher aus grauem Stoff mit weißen Nadelstreifen") und als Cocktailshaker bei der Royal Air Force, beides offenbar eine bessere Vorbereitung auf eine bundesdeutsche Autorenkarriere als jede Universität oder Schreibschule. Die Doktorarbeit über den Romantiker Clemens Brentano will der Erlanger Student dann wie alles im Leben nebenher und "in kurzer Zeit" zu Papier gebracht haben, sogar aus dem Gedächtnis und mithilfe einiger Notizen im Handumdrehen zum zweiten Mal, nachdem sein Doktorvater die erste Fassung des Werks verloren hatte.

Die kurzweiligen Memoiren eines Hochbegabten bestätigen im Großen und Ganzen das Bild vom leichthändigen, alerten und gerissenen HME, das seit Langem im Umlauf ist (und verwertet nebenbei manches Zitat aus der 19 Jahre alten Enzensberger-Biografie von Jörg Lau noch einmal). Besser als je zuvor versteht man nach der Lektüre, wie der spätere Dichter, Essayist, Zeitschriftenmacher und Herausgeber die entscheidende Lektion für seinen berühmten intellektuellen Nonkonformismus gleich nach dem Krieg gelernt hat: "Die wichtigen Männer waren nicht mehr wichtig." Es muss sich wie das achte Weltwunder angefühlt haben. Ein sehr junger Mann konnte die blamierten Wichtigtuer in wenigen Wochen überflügeln und das Land in Erstaunen versetzen. Erst mit Kuckucksuhren, dann mit Gedichten. So fing alles an. Der künftige Überflieger rollt an die Startbahn. Leider ist das Buch an dieser Stelle zu Ende.

Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten: auch Opus incertum. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 239 S., 25,– €, als E-Book 21,99 €