Im Hamburger Hotel Grand Elysée ist heute alles anders als sonst. Der prächtige Ballsaal wimmelt vor jungen Frauen. Einige haben Babys oder Reiserucksäcke umgebunden, andere stillen Kleinkinder und essen veganes Gulasch, alle duzen sich. Auf den Gängen präsentieren Aussteller Tragetücher, es gibt Stofftaschen, Buttons mit Herzchen, goldene Bändchen. Das ganze Oktoberwochenende lang wird es hier auf dem "3. Attachment Parenting Kongress" um liebevolle Erziehung gehen, um das Kuschelhormon Oxytocin, Trost, Steinzeitbabys und Herzensfäden. Festivalstimmung im Fünfsternehotel. Der Ort ist mit Bedacht gewählt, daran lassen die Organisatorinnen keinen Zweifel. Die Botschaft: Wir haben das verdient. Wir sind wichtig. Eine Machtdemonstration der Attachment-Parenting-Szene. Nicht die einzige in diesen Tagen.

Zur gleichen Zeit zeigen einige deutsche Programmkinos einen Dokumentarfilm mit dem Titel Elternschule. Man sieht Kleinkinder, die schreien, weinen, beißen, die von Schwestern in Arbeitskleidung festgehalten und gefüttert werden, sich erbrechen, überstrecken, in einem Raum mit blauen Gummimatratzen ausharren. Und man hört den Psychologen Dietmar Langer, wie er erklärt, was schiefläuft in der Interaktion zwischen Eltern und Kind. Die Psychosomatische Station in Gelsenkirchen, letzte Rettung für Familien in Not.

Die Szenen wirken wie aus zwei verschiedenen Welten. Das sind sie eigentlich auch. Doch in Zeiten des Internets prallen Welten oft aufeinander, auch in Erziehungsfragen. Unter virtuellem Getöse haben sich Attachment-Parenting-Anhänger in diesen Tagen auf die Elternschule gestürzt. Langer, der die Station seit 20 Jahren leitet, wird im Netz als Psychopath bezeichnet, "dessen Methoden jeden Guantánamo-Insassen erschüttern". Ihm werden "Nazimethoden" vorgeworfen und "Kindesmisshandlung!!!!". In dieser "Horror-Klinik" würden "kleine Seelen gebrochen". Der Kinderschutzbund geißelt eine "Verzerrung der Darstellung der kindlichen Persönlichkeit", Bild.de titelt: "So hart sind die Methoden der Kinderklinik". Stationsteam, Filmemacher und Verleih sind schockiert.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern um den eigenen Lebensentwurf

Wer zu ergründen versucht, wie es zu diesen Vorwürfen kommt und was daran berechtigt ist, stößt auf schwerwiegende Missverständnisse. Aber auch auf wenig Interesse, diese aufzulösen. Der Streit um Elternschule zeigt, dass sich Menschen hierzulande nicht nur in der Flüchtlingsfrage unversöhnlich gegenüberstehen, sich weigern, einander zuzuhören. Dass es bei Diskussionen oft nicht mehr um die Sache geht, sondern um Meinungen, um den eigenen Lebensentwurf, die eigene Identität.

Der Anlass geht dabei unter. So auch im Fall Elternschule, wo zwei Filmemacher, Jörg Adolph und Ralf Bücheler, bisher eher mit Arthouse-Filmen befasst, Kinder mit schwersten Verhaltensauffälligkeiten und ihre Eltern beim stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen begleitet haben. Auf die "Pädiatrische Psychosomatik" kommen Familien, wenn zu Hause nichts mehr geht. 70 Drehtage, 180 Stunden Material, verdichtet auf 117 Minuten Dokumentarfilm. Eine Innensicht ohne weitere Einordnung, versehen mit dem plakativen Titel Elternschule und einem marketingtauglichen Satz aus der Süddeutschen Zeitung: "Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss."

Noch vor Kinostart am 11. Oktober kommt eine Filmbesprechung auf einem kostenlosen Online-Portal zu dem Schluss, dass Kinder in der Klinik mit Zwang, Entbehrung und Druck erzogen würden. Viele Attachment-Parenting-Anhänger sind entsetzt.

Der Erziehungsansatz, der sie eint, setzt auf maximale Nähe zum Kind und geht auf den amerikanischen Kinderarzt William Sears zurück. Im Kern geht es Sears darum, feinfühlig auf Babys zu reagieren und mit viel körperlicher Nähe – Stillen, Tragen, Elternbett – eine sichere Bindung herzustellen. Dass er selbst als evangelikaler Christ nicht unumstritten ist und sein Ansatz auch als Versuch gelesen werden kann, Frauen zurück in die Welt von Küche und Kindern zu befördern, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Kinobetreiber werden unter Druck gesetzt, Moderatoren sagen Veranstaltungen ab

Trotzdem ist Attachment-Parenting seit einigen Jahren vor allem unter gebildeten urbanen Frauen in der westlichen Welt angesagt, in Deutschland wird der Ansatz divers interpretiert. Man klassifiziert sich als Tragemami, als Langzeit-Stillmami, als Ökomami, den einen geht es mehr um Natürlichkeit, den anderen um Achtsamkeit oder gar darum, die Welt zu verbessern, indem man glücklichere Menschen großzieht. Je nach Klientel werden die Ideen vermengt mit Impfkritik, Anthroposophie, veganer Ernährung, windel-, brei- oder kitafreien Konzepten. Die bekanntesten Multiplikatorinnen der Szene haben in den sozialen Netzwerken Follower-Zahlen im hohen fünfstelligen Bereich.

Der Protest gegen Elternschule gewinnt dadurch schnell an Dynamik, den meisten genügen Hörensagen und ein anderthalb Minuten langer Trailer, um das Team um Dietmar Langer in die Schwarze-Pädagogik-Ecke zu stellen. Eine Petition für das "Ausstrahlungsende des Films Elternschule" findet rund 20.000 Unterstützer, Kinobetreiber werden unter Druck gesetzt, Moderatoren sagen aus Angst vor Störern Publikumsdiskussionen ab. Immer wieder melden sich öffentlich Eltern, die auf der Gelsenkirchener Station waren, und versuchen, Fehlinformationen richtigzustellen. Sie werden ignoriert, bemitleidet, angefeindet. Offenbar sind viele Attachment-Parenting-Verfechterinnen, Mütter, deren Leben darum kreist, sich liebevoll nach ihrem Kind zu richten, nicht bereit, sich auf eine andere Sichtweise einzulassen. Nicht für einen Moment.

Die entscheidende Frage scheint nicht zu sein: Wie erziehst du? Sondern: Auf welcher Seite stehst du? Erziehung als Weltanschauung. Bringt dieser kleine Film sie deshalb so aus dem Gleichgewicht?

"In einer solch gewaltigen Form habe ich Protest gegen einen Film noch nie erlebt", sagt Werner Fuchs, Geschäftsführer des Filmverleihs Zorro, der Elternschule vertreibt. Er kennt die Branche seit Jahrzehnten, vor fünf Jahren erhielt er einen Preis der Bundesregierung für die Verbreitung künstlerisch herausragender Filme. Nun fürchtet Fuchs Beschimpfungen, wenn das Telefon klingelt oder eine Mail reinkommt.

Ein Urteil auf Basis eines Kinofilms

Während die Wutwelle durchs Netz rollt, sitzt der Psychologe Dietmar Langer allein im Auto und fährt Hunderte Kilometer kreuz und quer durch Deutschland. Er hat sich freigenommen für die Kinotour, um mit den Zuschauern über Elternschule zu diskutieren. Einige Medien haben den Film positiv aufgegriffen (auch die ZEIT, Nr. 41/18), die Vorstellungen sind gut besucht, im Publikum sitzen Fachleute, Mitarbeiter von Jugendämtern, Pädagogen, Erzieher. Es gibt Zuspruch, kritische Nachfragen, sachliche Diskussionen.

Wie sehr die Dokumentation polarisiert, merkt Langer zunächst gar nicht. Der Begriff Attachment-Parenting sagt ihm zwar etwas, aber dass es in Deutschland eine einflussreiche Szene dazu gibt, ist ihm wie vielen seiner Kollegen neu. Mütter, die wissen möchten, warum ihr Baby schlecht schläft oder ständig an die Brust will, kommen dagegen kaum mehr an dem Ansatz vorbei. Allein in diesem Monat erscheinen bei Kösel und Beltz vier Ratgeber aus der Szene:

Susanne Mierau: Rundum geborgen

Nora Imlau: Babybauchzeit – geborgen durch die Schwangerschaft und die Zeit danach

Frauke Ludwig & Diana Schwarz: Baby Basics – Alles, was ihr über euer Baby wissen solltet

Nicola Schmidt: Geschwister als Team

Der Kösel-Verlag bewirbt seine Titel mit dem Versprechen: "Wer ein paar wesentliche Dinge richtig macht, kann mit seinem Nachwuchs kaum noch etwas falsch machen." Für die meisten Eltern ein verlockendes Rezept. Wer will schon bei seinem Kind etwas falsch machen? Besonders, wenn er bisher alles richtig gemacht hat. So wie viele der gut ausgebildeten Mütter aus der Szene. Die bindungsorientierten Autorinnen, meist zwischen Mitte 30 und Mitte 40, fast nie vom Fach, schreiben im Jahrestakt Bestseller für diese Verunsicherten. Ein bisschen Wissenschaft hier, ein wenig Bauchgefühl dort, dazu eine schicke Babytrage. Erziehung als Lifestyle und Geschäftsmodell.

Sofern es Einzelnen hilft, als Eltern klarzukommen, ist dagegen nicht viel einzuwenden. In der Reaktion auf Elternschule zeigt sich aber, dass viele Attachment-Parenting-Anhänger die eigene Haltung missionarisch auf jede Lebenslage anwenden.

Wenige Tage nach dem Kongress in Hamburg verbreiten Aktivistinnen aus der Szene ein 16 Minuten langes Gegenvideo unter dem Hashtag #herzensschule, das schon nach einem Tag mehr als 50.000 Mal geklickt wurde und somit höhere Zuschauerzahlen hat, als der Kinofilm Elternschule wohl je bekommen wird. Inhaltlich sind die Botschaften so richtig wie banal. Bindungstheorie, also die Annahme, dass es ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung und Schutz durch eine vertraute Person gibt, ist längst Mainstream. Kinder müsse man lieben und respektvoll behandeln. Für die Eltern aus Elternschule, die nicht mehr schlafen, Phantomschreie hören, ihr Kind vor Verzweiflung ins Heim geben wollen, muss sich das anhören wie Hohn.

Die Selbstüberschätzung vieler Bindungsverfechterinnen hat auch mit dem Rückenwind zu tun, den sie nach der ersten Empörungswelle von ihnen nahestehenden populären Experten bekommen haben – allen voran dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster, der auf seinem Blog schreibt: "Schämen sollten wir uns, dass wir 'das Geheimnis der guten Erziehung' wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen." Aufgrund einer einstweiligen Verfügung hält er sich nun etwas zurück. Seine Ansichten verbreiten derweil andere. Auch Karl Heinz Brisch, Kinder- und Jugendpsychiater und Autor bekannter Bindungsbücher, hat bereits vor Sichtung des Film via Facebook erklärt, dass darin schwarze Pädagogik zu sehen sei. Nachdem er im Kino war, sagt er: "Ich würde das, was ich im Film gesehen habe, emotionale Gewalt am Kind nennen, hier geht es um Verhaltensanpassung mit sehr brutalen Methoden."

Ein Urteil auf Basis eines Kinofilms. Bis heute hat keiner der Kritiker Dietmar Langer angerufen. Ein solcher Austausch wäre aber notwendig, um den Film zu beurteilen, denn er lässt viel Deutungsspielraum. Es ist kein Lehrfilm über gute Erziehung, keine Reportage über therapeutische Methoden, sondern eine filmisch anspruchsvolle Beobachtung. Das führt dazu, dass sich Szenen im Kopf eines jeden Zuschauers anders fortschreiben: Etwa wenn eine Mutter ihr Kind im Gitterbettchen in einen abgedunkelten Raum schiebt. Für die einen der Auftakt für ein Schlafprogramm mit Schreienlassen, bis das Kind resigniert. Für die anderen ein liebevoll-konsequenter Ansatz, einem Kind mit einer pathologischen Schlafstörung Rituale zu vermitteln.

Doch während die Erregung steigt, Verbände sich positionieren (wer möchte beim Thema Gewalt gegen Kinder schon auf der falschen Seite stehen?), Online-Medien das Thema hysterisieren, Aktivisten eine Demo "für gewaltfreie Erziehung, auch in Gelsenkirchen" planen, wird das Thema in Fachkreisen erst auf Nachfrage eingeordnet. Karen Krause von der Bundesvereinigung Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter etwa bewertet Dietmar Langers Ansatz "als sehr hilfreich und evidenzbasiert". Auch Silvia Schneider, die an der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie innehat, sagt: "Es handelt sich dabei um wissenschaftlich sehr gut überprüfte Methoden, die keinesfalls dazu führen, dass die Bindung gestört wird."

Immerhin sind sogar aus der Attachment-Parenting-Szene ein paar besonnene Töne zu vernehmen. Bereits beim Kongress in Hamburg warnten mehrere Redner davor, die Grundideen zu radikal aufzufassen. Babys dürften auch mal weinen, Eltern eine Zumutung sein. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Kinder etwas nicht lernten, das in Zukunft möglicherweise noch wichtiger sein wird als in diesen Tagen: Durchhaltevermögen. Andere nennen es Frustrationstoleranz.

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