Politik und Gesetzgeber hecheln scheinbar unvermeidlich der Digitalisierung hinterher. Derweil kämpfen Europas innovative Unternehmer gegen die Regulierung von anno dazumal. Die einzigen Gewinner sind die Digitalkonzerne aus Übersee, die zunehmend unseren Alltag bestimmen. Eine selbstbestimmte Digitalisierung "made in Europe" ist aber möglich. Sie entsteht nur, wenn wir Europäer darüber nicht bloß reden, sondern mit eigenen Visionen und neuen Werkzeugen vorausschauend handeln.

Die europäische Vision wird dann stark, wenn sie einem klaren Ziel im Sinne europäischer Werte folgt: Menschen first, Technologie second. Das heißt, Technologie nie als Selbstzweck zu behandeln, sondern immer als Instrument zur Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Also des demografischen Wandels, der Gesundheitsfürsorge, des Arbeitsmarkts, der Qualität der Arbeit, der Nachhaltigkeit, des Umweltschutzes, des Klimawandels. Europa muss digitale Lösungen finden, die Selbstbestimmung vergrößern und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Diese Vision wird möglich, wenn wir mit vorausschauender Politik und Werkzeugen der antizipativen Regulierung arbeiten. Solche Politik hat einen 360-Grad-Blick, in dem nicht nur Wirtschaft oder Wissenschaft stehen, sondern auch die Lebensrealitäten der Menschen. Auch die deutsche Regierung, das Parlament und Regulatoren praktizieren antizipative Politik, wenn sie sich frühzeitig mit neuen Techniken auseinandersetzen und dafür sorgen, dass Innovationen entfaltet, getestet und gestaltet werden können.

Ein Werkzeug dafür sind "Sandboxes" (auch Reallabore genannt) – sichere virtuelle oder physische Räume, in denen Innovatoren ihre Produkte und Technologien unter gelockerten Regeln testen können. Regulierungsbehörden in Singapur und London arbeiten in solchen Sandboxes bereits eng mit Start-ups für Finanzen und dem Finanzmarkt zusammen. Großbritannien führte 2017 einen Fonds ein, um Sandboxes auf andere Regulierungsbehörden und Technologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz und Drohnen zu erweitern.

Es geht nicht etwa darum, alle neuen Unternehmen privilegiert zu behandeln. Es geht um Beispiele, wie die Flying High Challenge für das Stadtleben der Zukunft. Dieser von der Innovationsstiftung Nesta entwickelte Wettbewerb richtet mit der britischen Luftfahrtbehörde überall im Land Sandboxes für den Einsatz von Drohnen ein. Aber nicht die Technik steht im Zentrum, sondern ihr gesellschaftlicher Nutzen im Alltag.

Als Erstes definieren Regierung, Industrie, junge Unternehmen, Wissenschaft und die Bürgerinnen und Bürger dabei gemeinsam Herausforderungen für ihre Stadt, von Luftverschmutzung über Verkehrsstaus bis zum Notstand in Krankenhäusern. Alle – vom Start-up bis zur Zivilgesellschaft – können sich mit drohnenbasierten Lösungen bewerben und sie in einem Wettbewerb in der Sandbox testen. Politik und Regulierungsbehörden lernen auf diese Weise früh, wo der gesellschaftliche Nutzen liegt, aber auch, was die Risiken sind. Sie können antizipieren, welche Regulierungen, Standards oder strategische Wirtschaftsförderungen wichtig sein werden.

So kann antizipative Politik mögliche Lösungen simulieren, testen und dadurch aktiv gestalten. Politik und Regulatoren können die gesellschaftlichen Ziele schon in die Sandboxes einbauen – von ethischen Standards bis zur Transparenz der Systeme. Innovatoren, die sich diesen Bedingungen und gesellschaftlichen Werten verschreiben, können dann früher als andere ihre Lösungen verfeinern.

Wir stehen vor einer wichtigen Entscheidung: unsere Zukunft ein paar Digitalkonzernen zu überlassen oder sie selbst in die Hand zu nehmen. Der Schlüssel dazu sind keine neuen Kommissionen. Die schlauen Köpfe und Erneuerer im Land brauchen Raum, um das Potenzial ihrer Ideen zu testen – und zwar innerhalb des gesellschaftlichen, wertebasierten Rahmens der europäischen Digitalisierung. Praktische Beispiele für eine solche antizipative Politik gibt es mittlerweile mehr als genug. Die Entschuldigungen für ein Weiter-wie-bisher verlieren ihr Haltbarkeitsdatum.