Ein einziger Punkt trennt den FC St. Pauli und den HSV in der Tabelle der Zweiten Bundesliga nach zehn Spieltagen. Eigentlich kein Grund zu überschäumender Freude auf der einen oder Bestürzung auf der anderen Seite. Und doch ist am Wochenende etwas eingetreten, das am Selbstverständnis der beiden Profi-Clubs der Stadt rüttelt: Der Verein vom Kiez liegt vorne, mit 19 zu 18 Punkten. 3. gegen 5. Tabellenplatz.

Das ist erstaunlich, aber nur folgerichtig, wenn man sich die Formkurve der beiden Mannschaften anschaut. Der HSV startete mit einer brutalen Niederlage gegen Kiel, kletterte an die Tabellenspitze, verlor seither an Boden und warf am Dienstag dann seinen Trainer Christian Titz raus. Der FC St. Pauli startete furios, sackte dann bis auf Platz 11 ab und arbeitet sich nun Stück für Stück hoch. Schon das 0 : 0 im Derby fühlte sich für die Mannschaft des Trainers Markus Kauczinski an wie ein Sieg. Es war die einzige unter den letzten fünf Partien, die sie nicht gewann.

Absehbar war das neue Kräfteverhältnis im Hamburger Fußball nicht. Aber es ist erklärbar, und es hat mehrere Gründe auf einmal.

Beim HSV gab es im Sommer erneut einen großen Umbruch im Kader. Acht Neuzugänge, 16 Abgänge, das muss ein Team erst einmal aushalten. Beim FC St. Pauli dagegen kamen mit Marvin Knoll und Henk Veerman nur zwei neue Spieler hinzu. Knoll gab am Montag die Vorlage zum entscheidenden Treffer gegen den MSV Duisburg und ist aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken, Veerman traf in sieben Spielen schon dreimal.

Die Siege geben Selbstvertrauen und sorgen für Ruhe. Coach Kauczinski hat die unangenehmen Tage im Tabellenniemandsland gut überstanden und seine Truppe gefestigt. Sieben Tore hat der FC St. Pauli allein in der letzten Viertelstunde der Spiele erzielt, ein Topwert in der Liga. Beim HSV hingegen stand Trainer Titz wochenlang in der Kritik: Er habe zu lange am Konzept des Dominanzfußballs festgehalten, das nicht genügend Erfolg zeigte. Und seine Stürmer trafen nicht. Zu Hause hat die Mannschaft drei Spiele lang nicht mal ein Tor erzielt.

Vor der Saison galt der HSV als Aufstiegskandidat. Der FC St. Pauli? Mittelfeld, Platz fünf oder sechs, wenn es gut läuft. Beides ist weiterhin sehr gut möglich. Aber genauso gut kann es umgekehrt laufen. Und dass die Situation in der Tabelle diesen Gedanken schon nach einem knappen Drittel der Saison nahelegt, ist nichts anderes als eine Überraschung.