"Ich lieb die Wellen und das Meer / Viel zu selten komme ich hierher", "Auf den Dächern nachts um vier / Lasst uns alles vergessen", Trompete, tätätätät, das ist so bieder, wenn’s vom Schlagerduo aus dem Fernsehgarten käme, würd’s keinen wundern; tatsächlich aber stammen die Zeilen von der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, die schon wieder im Mittelpunkt bundesrepublikanischer Kurzaufmerksamkeit steht. Für eine Konzertreihe hatte das ZDF die Musiker ins Bauhaus nach Dessau (Ostdeutschland!) eingeladen, die dortigen Verantwortlichen aber luden sie wieder aus. Erst mit dem Hinweis darauf, das Bauhaus sei "unpolitisch", später nahm man das zurück und teilte mit, man handele "aus Verantwortung für das Gebäude". Vor einigen Wochen schon waren Feine Sahne Fischfilet in Chemnitz aufgetreten beim Hashtag-Konzert gegen rechte Gewalt; als die Veranstaltung auf der Facebook-Seite des Bundespräsidenten empfohlen wurde, entzündete sich daran ebenfalls Kritik: Wie könne Steinmeier für eine linksradikale Punk-Band werben?

Die bessere Frage wäre gewesen: Wie können ausgerechnet solche biederen Rock-Typen mehrfach zum Mittelpunkt eines politischen Kulturskandals werden? Es liegt wohl daran, dass der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern die Band vor Jahren in seinen Berichten erwähnte; unter anderem wegen eines frühen Songs, in dem es in Richtung der Polizei heißt: "Die Bullenhelme, die sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!" Dem Verfassungsschutz in Schwerin überreichten die Musiker damals einen Präsentkorb im Wert von 23 Euro, als Dank für die kostenlose Werbung. Ebenfalls je einen Präsentkorb verdient haben nun das Bauhaus Dessau sowie alle Berichterstatter und Kolumnisten, die nun herbeieilen, um einerseits, völlig zu Recht, die grassierende Political Correctness von rechts zu beklagen und andererseits, völlig zu Unrecht, das künstlerische Gesamtwerk von Feine Sahne Fischfilet zu verteidigen. Als uns noch nicht aus schierer Panik vor der AfD komplett die ästhetischen Kriterien weggebrochen waren, hätte man wohl eher die regionale Heimatverkultung in den Texten der Band auseinandergenommen und kritisiert – von links. Und dass die Jungs in der ostdeutschen Provinz "tolle Arbeit" machen, also den Dorfkindern beweisen, dass es neben Ausländerhass noch andere Jugendkulturen gibt, dafür verdienen sie Respekt, aber keine euphorischen Kritiken. Engagement kann man nur bewundern, nicht rezensieren.

Die Band ist leider in eine Gegenwart hineingekracht, die keinen Begriff von Pop und Politik mehr hat; Verfassungsschutzberichtshaftigkeit prägt die Diskurslage, in der man sich, will man über Kultur sprechen, nur noch auf das Oberoffensichtlichste zurückziehen kann – auf das sogenannte Politische. Es käme heute dem wirklich allerletzten Tabubruch gleich, erinnerte man daran, dass die Welt furchtbar traurig wäre, bestünde sie bloß aus Politik – oder dem, was man bei hart aber fair und Twitter dafür hält.

Zum Glück ist die Welt auch gemacht aus Ästhetik, aus Grundlagenforschung und Romantik, aus all dem, was (sorry, Jungs!) der Musik von Feine Sahne Fischfilet fehlt. In diesem Sinne: Wäre ein Bau- oder anderes Haus, das tatsächlich und ausnahmsweise diese Freiheit des Unpolitischen für sich reklamierte, wirklich eine so schlechte Idee?