Um Helmut Schmidt, den Ökonomen, zu verstehen, muss man zweierlei wissen. Erstens wollte er eigentlich gar nicht Wirtschaft studieren. Doch nach dem Krieg und der langen Zeit als Soldat dauerte ihm der Werdegang zum Architekten zu lange, also studierte er stattdessen die Lehre von der Architektur des Wohlstands. Zweitens war er keineswegs ein Keynesianer, der die Wirtschaft mit staatlichen Impulsen und niedrigen Zinsen antreiben wollte – seiner Aussage als Superminister Anfang der Siebzigerjahre zum Trotz, fünf Prozent Inflation seien ihm lieber als fünf Prozent Arbeitslose. Das war Wahlkampfgetöse, wie er damals schon gegenüber einem Spitzenbeamten zugab.

Preisstabilität gegen mehr Beschäftigung einzutauschen ist ein keynesianischer Traum, der immer nur kurzfristig funktioniert. Helmut Schmidt aber war ein Mann der langen Linien – und ein Pragmatiker. Mal brauchte die Ökonomie eben eine Konjunkturspritze und mal liberale Reformen, mal eine weiche und mal eine harte Geldpolitik. Wenn schon, dann war Schmidt ein Wohlstandsarchitekt, durchdrungen von der Überzeugung, dass Wohlstand und Handel die Gesellschaft stabil und friedlich halten. Und das war das Wesentliche für einen wie ihn, der "durch die Scheiße gegangen" war, wie er sagte, also durch Nazi-Zeit und Krieg.

So einer hatte keine Zeit für Glaubenskämpfe – und war darin seiner Zeit voraus. Die führenden Nachwuchsökonomen von heute sehen sich auch als Pragmatiker, die nach Datenlage entscheiden und nicht nach Zugehörigkeit zu einer linken oder rechten Glaubensgemeinschaft. Aber Schmidt hatte Prinzipien – vor allem die Überzeugung, dass dauerhafter Wohlstand verdient werden müsse und nicht herbeigezaubert werden könne. Nichts machte ihn skeptischer als Finanzjongleure. In seiner Sicht spielten sie bloß mit dem Wohlstand der Masse. Auch Topmanager der Industrie, und Schmidt kannte viele, waren ihm suspekt, wenn sie ihren Konzern wie eine Finanzholding führten.

Er hat in der ZEIT vor den Folgen des ungezügelten Finanzkapitalismus gewarnt, und zwar bevor die Krise ausbrach. In der Krise selbst hat er die Ruhe behalten, als Autor wie als Anleger, der gut durchkam, weil er frühzeitig in sichere Anleihen investiert hatte. Aber die Wut gegenüber den angelsächsisch geprägten Investmentbankern blieb. Richtig unangenehm konnte es werden, wenn hochrangige Banker dieses Schlags oder andere Finanzhallodris in sein Büro pilgerten. Auch 30 Jahre nach Ende seiner Kanzlerschaft gab es nur ein Wort für das, was da geschah: Schmidt kanzelte sie ab. Dagegen bezeugte er Respekt vor Unternehmern und Gewerkschaftsführern, die ihn überzeugten. Wohlstandsarchitekten eben, die auf lange Sicht operierten.

Wirtschaftsdebatten mit ihm waren immer überraschend, mal führten sie zur Klage über einen Siemens-Konzern ohne unternehmerisches Ziel, mal zur alten Deutschen Bank, mit der man als Politiker noch vernünftig arbeiten konnte (bevor sie zur Investmentbank verkam, wie er das sah). Mal führten die Gespräche zurück in die chinesische Geschichte, mal zur Gründung der G6-Runde der damals sechs führenden Industrieländer – laut Schmidt zunächst eine vertrauensbildende Kaminrunde der Staats- und Regierungschefs. Die Aufgabe, na klar: die Welt stabil halten und Wohlstand schaffen. Die Chinesen, das war Schmidt schon Ende der Siebzigerjahre klar geworden, könnten dabei helfen, nachdem sie sich unter Deng Xiaoping auf den Wachstumsweg begeben hatten.

Helmut Schmidt, der Ökonom, wusste: Wirtschaft ist konkret, verläuft in langen Linien, Zaubereien verlieren schnell ihre Wirkung – und Glaubenskrieger schaden ihr nur. Und er hielt sich an seine Überzeugungen, auch wenn die Märkte heiß liefen. Schon das allein hebt ihn hervor.